Deutsche Provinz der Jesuiten

Thomas Gottschalk interviewt Wolfgang Seibel SJ

Thomas Gottschalk interviewt Wolfgang Seibel SJ.

Jesuit gründete vor 50 Jahren das ifp

Die katholische Journalistenschule, die der Jesuitenpater Wolfgang Seibel SJ vor 50 Jahren mitgegründet hat, hat ihr Jubiläumsjahr eingeläutet. Am traditionellen Görresabend kamen zahlreiche Gäste, um den Gründungsdirektor zu sehen, aber auch um den wohl prominentesten Journalistenschüler des ifp live zu erleben.

München (KNA) – Als Beispiel für eine „geglückte Journalistenkarriere“ sieht sich Thomas Gottschalk wirklich nicht. „Mir ist jeder Kommentar zur Glosse geraten“, erinnerte sich der Entertainer an die Zeit auf der Journalistenschule. Er habe halt von Anfang an „dieses Unterhaltungsgen“ in sich gehabt. Aber der 67-Jährige ist nun mal der schillerndste Absolvent des Instituts zur Förderung des publizistischen Nachwuchses (ifp) der katholischen Kirche. So zog denn auch der „Görres-Abend“ Ende Januar in München zum 50-jährigen Bestehen der Einrichtung mehrere hundert Besucher an, um Gottschalk und dem Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dem Münchner Kardinal Reinhard Marx, und dem ersten Direktor und Mitgründer des ifps, Wolfgang Seibel SJ, zu lauschen.

Einer seiner Studenten war auch Thomas Gottschalk. Er beendete seine ifp-Ausbildung zwar nicht, doch Seibel hat ihn maßgeblich geprägt, wie er an dem Abend zugibt. Geschichte und Germanistik studierte Gottschalk, als er 1974 beim ifp anheuerte. Was er daheim an Werten im fränkischen Kulmbach mitbekommen hatte, sollte nun intellektuell vertieft werden. Als er auf den ifp-Gründungsdirektor Wolfgang Seibel traf und in ihm einen offenen Kirchenmann erlebte, habe er gewusst, richtig zu sein. Der inzwischen 89-jährige Jesuit saß in der ersten Reihe und bekam von allen Gästen den längsten Applaus. Der einstige Schüler nutzte die Gelegenheit, griff zum Mikrofon und interviewte ihn.

Seibel: „Journalisten dankbar sein“

Thomas Gottschalk: Nachdem Sie die gesamte Mannschaft derer, die gefördert wurden, ein bisschen im Auge haben. Bin ich der Einzige, der euch danebengegangen ist?

Wolfgang Seibel SJ: Ach, ich würde nicht sagen, der Einzige (lacht).  Die Leute, die bei uns ihre Ausbildung gemacht haben, sind erstmals die verschiedensten Wege gegangen und zweitens ist der Journalismus ein so ungeheures Gebiet, dass Sie durchaus nicht von sich sagen können, Sie seien danebengegangen. Warum denn?

Gottschalk: Nur das wollte ich hören, herzlichen Dank. Der Journalist ist ja ein ganz besonderes Wesen. Ich habe welche erlebt, die am Abend gerne die Schnittchen des Gastgebers gegessen haben, den sie am nächsten Tag in die Pfanne gehauen haben. Nun ist das auch ein Zeichen einer gewissen Ernsthaftigkeit, aber in unserem Falle: Hat es denn Stipendiaten gegeben, die sich von der Kirche haben fördern lassen, um ihr im Laufe ihrer journalistischen Tätigkeit dann auch schwer in die Seite zu treten? Also, gab es den Vorwurf, dass sich die Kirche durch das Institut schreibwütige und intellektuelle Gegner erzieht?

Seibel: Den Vorwurf hat es zu meiner Amtszeit nicht gegeben, aber nachher soll er gekommen sein. Da kann man nur zwei Dinge sagen: erstens, nach Artikel 5 im Grundgesetz ist die Meinungsäußerungsfreiheit ein unverzichtbares Grundrecht. Und wenn einer eine Meinung äußert, die einem nicht gefällt, kann man sich ärgern, denjenigen aber nicht tadeln, weil er von seinem Recht Gebrauch macht. (Applaus) In der Kirche kommt noch folgendes hinzu: Die Kirche besteht, soweit man weiß, genauso aus Menschen wie alle anderen Gesellschaften. Alle Menschen haben ihre Schwächen und ihre Fehler, deswegen legen die Dokumente der Kirche immer großen Wert darauf, dass sich die Kirche ständig mit dieser Sachfrage auseinandersetzt. Das zweite Vatikanische Konzil zum Beispiel gebraucht drei Begriffe: die Kirche müsse immer bemüht sein um Reinigung, um Buße und um Erneuerung. Das sind natürlich etwas hochgestochene pastorale Begriffe, wenn man sie auf das verständliche herunterbricht, heißt es: sie muss immer bemüht sein um Selbstkritik und Reform.

Wenn es jetzt Journalisten geben sollte, die kirchliche Dinge kritisieren, dann sollten meines Erachtens die Verantwortlichen in der Kirche dafür dankbar sein. Und zwar deswegen, weil die Journalisten meist auf Probleme aufmerksam machen, wo die Verantwortlichen beweisen können, dass sie zu Selbstkritik und Reform fähig sind. (Applaus)

Gottschalk: Ich möchte ihnen am Schluss einen Dank aussprechen. Eigentlich war es nicht geplant, dass ich die Aufnahmeprüfung am ifp bestehe. Als ich sie doch bestanden hatte, dachte ich: Um Himmels Willen, wo bin ich dahin geraten? Bin ich moralisch und intellektuell überhaupt in der Lage, diesen Weg zu gehen? Aber als ich Sie dann kennengelernt habe, als Sie das erste Mal im Institut aufgetreten sind und uns erklärt haben, wie Sie Journalismus sehen, wie Sie Kirche definieren, habe ich gedacht: Mensch, hier bin ich wirklich richtig. Sie haben einem die Angst abgenommen, dass man in eine Art von Opus Dei Indoktrination gerät und man Artikel nicht mit einem ‚Amen‘ beenden muss. Diese Angst haben Sie uns schnell genommen und dafür danke ich Ihnen.

Seibel: Das kann ich nur dankend entgegennehmen, vielen Dank! (Applaus)

letzte Aktualisierung am 08.02.2018