Tagesrückblick

„Die wichtigste Viertelstunde am Tag“: Das ist für Ignatius von Loyola der Tagesrückblick. Innehalten, den vergangenen Tag Revue passieren lassen und mit Gottes Blick auf alles Schöne und Schwere schauen. Diese tägliche Praxis üben nicht nur Jesuiten: Die „wichtigste Viertelstunde am Tag“ ist für alle eine Bereicherung, die einen liebenden Blick auf das eigene Leben werfen möchten.

von P. Willi Lambert SJ

Die Anfrage an mich lautete: „Sie haben den Ausdruck ‚Gebet der liebenden Aufmerksamkeit‘ für das Examen geprägt. Wären Sie bereit, einen Text zum Tagesrückblick zu verfassen?“ Es mag erstaunen, wenn im selben Satz für ein Geschehen drei Bezeichnungen gebraucht werden. Und man könnte noch Formulierungen hinzufügen wie „Gewissenserforschung“, „Gebet der Verantwortung“, „Tagesauswertung“.

Was ist das für ein Gebet? Wie entstand diese Gebetspraxis, die in der ignatianischen Spiritualität eine so wichtige Rolle spielt? Und was hat sie mit Gewissensbildung zu tun?

Im Gebet der liebenden Aufmerksamkeit geht es darum, sich immer wieder – am besten täglich – ein wenig Zeit zu nehmen, um aufmerksam auf das eigene Leben und seinen Sinn zu schauen und es von daher zu gestalten. Man könnte auch sagen: Es ist ein Versuch, den Lebensruf von Margot Friedländer, Jüdin, ehemalige KZ-Insassin und Mahnerin, ernst zu nehmen: „Seid Menschen!“ Für einen Christen kann sich das ausdrücken in einem Wort von Paulus: Gottes Geist der Weisheit „erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid“ (Epheserbrief 1,18).

Jeder, der auf das Geschehen eines Tages blickt – ob kürzer oder länger, ob morgens oder abends oder zwischendurch – und sich mit der Frage befasst, was ihm die Ereignisse des Tages für sein Menschsein, für die Sinnhaftigkeit seines Lebens bedeuten, lebt die „liebende Aufmerksamkeit“.

Die „allgemeine Erforschung des Gewissens“

  • 1. Schritt: „Gott, unserem Herrn, Dank sagen für die erhaltenen Wohltaten.“

    Das ist die Einladung, aufmerksam zu sein auf alle Gaben des Lebens wie Gesundheit, Freundschaft, gute Beziehungen, Arbeitsmöglichkeiten und anderes mehr. Man könnte auch sagen, die Kraft des „positiven Denkens“ fördern im Blick auf tragende Vollzüge des Lebens.

    In einem Brief schreibt Ignatius einmal, er glaube, dass die Pflege der Dankbarkeit die Quelle alles Guten und die Undankbarkeit der Ursprung alles Bösen sei.

    Was stimmt mich heute zum Danken ein? Das ist die Frage und zugleich auch eine Einladung, Gott und auch den Menschen gegenüber Dank auszudrücken. Das trägt zum Werden und Wachsen von Gemeinschaft bei.

  • 2. Schritt: „Gnade erbitten, die Sünden zu erkennen und von sich zu werfen.“

    Es ist bemerkenswert, dass Ignatius hier von einer Gnade spricht. Es ist keineswegs eine Selbstverständlichkeit, Fehlverhalten, Unmenschlichkeit und Egoismus zu erkennen und zuzugeben. Vielmehr ist es ein Geschenk, Verzeihung zu erbitten, Versöhnung zu suchen und sich zu bemühen, sein Verhalten und seine inneren Einstellungen zu ändern.

    Schließlich ist es auch ein Geschenk, wenn man die Kraft findet, um Vergebung zu bitten, sie sich schenken zu lassen und sie anderen zu schenken. Und es ist durchaus eine „Gnade“, wenn einer frei wird von einer Gnadenlosigkeit sich selber gegenüber: „Das kann ich mir (nicht) verzeihen.“

  • 3. Schritt: „Von der Seele Rechenschaft fordern …“

    „… angefangen von der Stunde des Aufstehens bis zur gegenwärtigen Erforschung, von Stunde zu Stunde oder von Zeitabschnitt zu Zeitabschnitt; und zwar zuerst über die Gedanken, dann über die Worte und anschließend über die Werke.“ Man könnte auch noch die Gefühle hinzufügen. Was für eine Schule der Aufmerksamkeit!

    Interessant ist nicht nur, wie strukturiert und vielgestaltig Ignatius das Tagesgeschehen mit seinen verschiedenen Vorgängen, Entscheidungen, Begegnungen und Zeitlängen sieht. Es geht ihm hier nicht nur um einen Veranstaltungskalender, sondern um die menschliche, geistliche, spirituelle Bedeutung. Es geht ihm um das, was – biblisch gesprochen – die Früchte des Geistes bzw. des Ungeistes sind: Hoffnung, Freude, Friede, Wahrhaftigkeit, Freiheit, Mitmenschlichkeit, Güte, Demut – bzw. umgekehrt: Lüge, Rechthaberei, Dominanz, Narzissmus, Rücksichtslosigkeit, Verwirrung. 

    „Rechenschaft fordern“ heißt nicht, mit sich selber gnadenlos „abzurechnen“, sondern die Bereitschaft und Sehnsucht zu haben, anderen und sich selber gegenüber gerecht zu werden im Geist des Evangeliums.

  • 4. Schritt: „Gott, unseren Herrn, um Verzeihung bitten wegen der Verfehlungen.“

    Hier geht es um Schritte zur Versöhnung:

    • Sich erkennen und eingestehen, dass man anderen lieblos und unmenschlich begegnet ist. In der Goldenen Regel weist Jesus darauf hin, wie man sich selber auf die Spur kommen kann: „Verhalte dich anderen gegenüber so, wie du möchtest, dass diese sich zu dir verhalten.“
    • Nach der Erkenntnis kommt auch das Geschehen von Reue: Es sich selber leid tun lassen, dass man anderen wehgetan hat, und glauben, dass Gott zu mir barmherzig ist.
  • 5. Schritt: „Auch Besserung vornehmen mit Gottes Gnade.“

    Schließlich geht es bei der konkreten „Besserung“ darum, sich zu bemühen, sich mit dem Menschen, gegenüber dem man sich vergangen hat, zu versöhnen: um Entschuldigung zu bitten und – soweit möglich – etwas wieder gutzumachen.

    Auch hier wird noch einmal deutlich, dass man das nicht so einfach aus eigener Macht tun kann, sondern das Wachsen in liebevollerem Verhalten anderen gegenüber der Hilfe des Geistes Gottes bedarf.

Wie kam Ignatius auf diese Gebetspraxis?

Ignatius von Loyola beginnt seinen „Bericht des Pilgers“ mit den Worten: „Bis zum Alter von sechsundzwanzig Jahren war er den Eitelkeiten der Welt ergeben und hauptsächlich fand er aus einem unbändigen und eitlen Verlangen, sich Ruhm zu gewinnen, sein Gefallen in Waffenübungen“. 1521 versetzte eine Schussverletzung Ignatius auf den schmalen Grat zwischen Leben und Tod. In der anschließenden langen Krankheitszeit begann er neu auf das Leben, neu auf sein Leben zu schauen. Es wurden Fragen in ihm wach:

  • Was gibt meinem Leben wirklich Sinn?
  • Wie ist mein Leben inspiriert durch Jesus Christus und sein Evangelium?
  • Was heißt es, ganz innerlich und zugleich ganz konkret „in allem Gott zu suchen und zu finden“ – „im Sprechen, im Gehen, Sehen, Schmecken, Hören, Denken, überhaupt in allem“?

Die Aufmerksamkeit auf das zentrale Geschehen von Glauben, Hoffen, Lieben im eigenen Leben nennt Ignatius in seinem Exerzitienbuch die „allgemeine Erforschung des Gewissens“ („examen generale“). Er geht diese Schritte des Tagesrückblicks in Form des Gebets. Deswegen pflege ich zum Tagesrückblick auch „Gebet der liebenden Aufmerksamkeit“ zu sagen.

Die „besondere Erforschung des Gewissens“

Sein Leben gestalten

Die von Ignatius so genannte „besondere Gewissenserforschung“ („examen particulare“) ist nicht so bekannt. Dabei ist sie bemerkenswert lebensnah. Es geht um den Versuch, eigenes Verhalten zu ändern und nicht nur bei guten Vorsätzen zu bleiben.

Ignatius geht ganz praktisch vor. „Zuerst sich jeden Tag, schon am Morgen“ eine klare Zielsetzung ins Bewusstsein rufen: Was ist der eine Vorsatz, der eine Fehler, die eine schlechte Gewohnheit, von der man loskommen möchte, von der man sich „zu befreien und zu bessern sucht“? Das heißt zugleich, sich nicht zu Schweres oder zu viel vorzunehmen, sonst ist das Scheitern vorprogrammiert.

Man muss sich klar machen, dass man sich Gewohnheiten, die vielleicht über Jahre oder noch länger das eigene Leben geprägt haben, nicht einfach innerhalb von ein paar Tagen abgewöhnen oder sich umgewöhnen kann. Das bedeutet, dass man sich von vornherein für eine gewisse Zeit vornimmt, an der Umgewöhnung zu arbeiten und dran zu bleiben.

Was hilft dabei?

  • Es nützt, wenn man mit einem Zettel oder Bild, vielleicht am Spiegel oder auf dem Schreibtisch angebracht, ein Erinnerungszeichen schafft.
  • Ignatius schlägt vor, sich auf einem Blatt für jeden Tag der Woche zwei Zeilen zu ziehen. Darauf soll man kurz vermerken, wie es einem mit dem Vorsatz ging. Woche für Woche kann man erkennen, was gut gelang und was nicht.
  • Es mag eigenartig klingen, aber Ignatius schlägt auch vor: „Jedes Mal, wenn der Mensch in jene besondere Sünde oder jenen Fehler fällt, schlage er mit der Hand an die Brust und empfinde Schmerz darüber, gefallen zu sein; das kann auch in der Gegenwart vieler geschehen, ohne dass sie merken, was er tut.“
  • Gut ist es, wenn man einen Menschen hat, mit dem man gelegentlich das eigene Bemühen bespricht, wie Ignatius empfiehlt. Geistliche Begleitung kann dabei hilfreich sein.
  • Es ist hilfreich, zu schauen, welche Rolle die Beziehungen bzw. das Zusammenspiel von Halt, Haltungen, Verhältnissen und Verhalten im eigenen Leben spielen.

Wie jemand solche Vorschläge aufgreift, sich persönlich anpasst oder andere Weisen findet – eines ist klar: Ohne ernsthafte Bemühung geht es nicht.

Autor: Willi Lambert SJ

Pater Willi Lambert SJ, Dr. theol., ist 1944 in Ravensburg geboren und 1964 in den Jesuitenorden eingetreten. Er war von 1977 bis 1987 Spiritual am Pontificium Collegium Germanicum et Hungaricum in Rom und von 1987 bis 2000 Kirchlicher Assistent der Gemeinschaft Christlichen Lebens (GCL) in Augsburg. Von 2013 bis 2021 lebte er im Exerzitienhaus Dresden-Hoheneichen und arbeitete als geistlicher Begleiter, Exerzitienbegleiter und Kirchlicher Assistent der GCL-Region Dresden-Meißen/Görlitz. Pater Lambert ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen zur ignatianischen Spiritualität. Seit 2021 lebt er in der Seniorenkommunität in Berlin-Kladow.

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