500. Geburtstag des Petrus Canisius SJ (1521–1597)

Das Wirken der Jesuiten im Kölner Raum - Tagung des Jesuitica e.V. 2021

Am 8. Mai 2021 ist der 500. Geburtstag des Petrus Canisius zu feiern, der 1544 die erste deutsche Niederlassung der Jesuiten  in Köln gründete. Die Orts- und Themenwahl der diesjährigen Tagung des Jesuitica e.V. stand damit fest, und die Karl Rahner-Akademie hätte die Mitglieder des Vereins sehr gern willkommen geheißen, wie ihr Leiter Norbert Bauer bei der Einleitung des Abendvortrags betonte.

Doch die dritte Corona-Welle machte die umsichtig geplanten Ortsbegehungen unmöglich. Trotzdem konnten die Videovorträge am 19. März eine Vorstellung von der hohen Qualität der Forschung und dem Engagement aller daran Beteiligten vermitteln, die im zentralen Block der Tagung einen Einblick in die aktuellen Ergebnisse ihrer Forschung zum Wirken der Jesuiten im Erzbistum Köln gewährten.

Dr. Bettina Heine-Hippler (LWL) nahm die Rekonstruktion der Jesuitenmission in Arnsberg, der Residenz des Erzbischofs im Herzogtum Westfalen, in den Blick und veranschaulichte Methoden und Ergebnisse architekturhistorischer Forschung zum Bau und Umbau derdortigen Residenz und ihrer Kirchen sowie zur Beziehung der Jesuiten zu den dort seit 1173 ansässigen Prämonstratensern. Ihre Vorstellung von in Westphalen erhaltenen Krippenfiguren regte Hinweise auf ebenfalls gut erhaltene Sammlungen vor allem in Süddeutschland an.

Dr. Joachim Oepen führte in faszinierender Weise mit der Siegelsammlung in die Persönlichkeit des Stephan Beissel SJ (1841–1915) ein. Die 1984 erworbene Sammlung im Historischen Archiv des Erzbistums Köln, die 5000 lose Siegel und 30000 qualitativ höchstwertige Lackabdrücke in thematisch geordneten Kästen umfasst, spiegelt in ihrem europäischen Zuschnitt Beissels Wirken für den Orden in vielen Ländern und sein gesamteuropäisches Denken wider, belegt darüber hinaus, dass die Sammlung ihm als Materialgrundlage für seine engagierte Forschung zur christlichen Ikonographie diente – insbesondere der Mariologie.

Prof. Dr. Gudrun Gersmann stellte das an ihrem Lehrstuhl betreute Projekt zur digitalen Rekonstruktion der Jesuitensammlungen – neben der naturwissenschaftlichen vor allem die Bibliothek vor, das vom Kölner Gymnasial- und Stiftungsfonds gefördert wird. Die in französischer Zeit verstreuten Sammlungen umfassten nicht nur die 1744 in einem Inventar erfassten Bibliotheksbestände, sondern auch auf das Museum der Kupferstiche und Zeichnungen, antiker Münzen und das Museum mathematicum, das nicht abtransportiert wurde, sondern in französischer Zeit sogar diverse Erweiterungen erfuhr. In ihrer spannenden Einführung machte Gersmann deutlich, dass dem Narrativ von der „Habsucht der Franzosen“, das Ferdinand Franz Wallraf 1814 in seiner Denkschrift verfestigte, ein Korrektiv entgegensetzen werden kann, wenn man Quellen wie das Gästebuch des Baron von Hüpsch auswertet: Es macht ein Netzwerk von Bibliophilen sichtbar und zeigt, dass hier eine „Beutegemeinschaft über deutsch-französische Grenzen hinweg“ ein starkes Interesse an der Auflösung der Bibliothek hatte. Henrike Stein und Simon Grigo vertieften den Einblick in das Forschungsgebiet, indem sie ihre Dissertationsprojekte zum Physikalischen Kabinett (1702–1801) und zu Aspekten der Nutzung der Bibliotheca communis des Kölner Jesuitenkollegs vorstellten.

In die ungewöhnliche Graphische Sammlung der Kölner Jesuiten, die vor allem Zeichnungen, nicht nur Druckgraphik enthielt, führte Michael Venator ein. Venator stellte die Themen der Sammlung vor. Auf Ambitionen akademischer Ausbildung weisen die 5 Alben Aktstudien und die 10 Alben mit Zeichnungen von Carlo Marattas Schülern und Nachfolgern hin. An der Geschichte der Sammlung nach Auflösung des Ordens zeigte Venator, dass die Stadt Köln damals kein Interesse am Verbleib der Sammlung hatte; der Verkauf der 36 Alben gelang jedoch vor 1794 nicht, so dass die Beschlagnahmung durch die französischen Revolutionstruppen zumindest die Zerstreuung der Sammlung verhinderte. Der Verkaufskatalog von 1778, der neben 26.000 Blatt Druckgraphik auch 6000 Zeichnungen angibt, blieb leider so summarisch, dass die Kölner Emissäre für ihre Rückgabeforderungen 1814 keine geeignete Grundlage hatten. Die Blätter wurden in Paris mit einem Stempel „Col.“ gekennzeichnet, die Provenienz ist also nachweisbar. Dass der Louvre allerdings bis vor wenigen Jahrzehnten eine Verschleierungspolitik verfolgte, leitete Venator aus fehlenden Provenienzhinweisen in Publikationen ab und fand mit dieser Erfahrung in der anschließenden Diskussion rege Unterstützung.

Dr. Anna Pawlik, die als Erzdiözesankonservatorin ihren Arbeitsplatz im  ehemaligen Kölner Jesuitenkolleg hat, konnte zwar nur digital die Paramente zeigen, die Canisius 1595 vom Bayerischen Herzog Wilhelm V. zum Geschenk für die Widmung des Katechismus erhalten hatte, und die nun im Turm der Jesuitenkirche aufbewahrt werden. Aber sie führte ihre Zuhörer anschaulich in die exquisite Materialität und Aussage der schlicht wirkenden Messgewänder aus italienischem Taft ein; wie exakt die Kaseln die Vorgaben des Missale Romanum erfüllen, demonstrierte sie anhand des entsprechenden Kapitels aus den Instructiones fabricae et suppellectilis ecclesiasticae, in denen Karl Borromeus die tridentinischen Idealvorstellungen von der Ausstattung eines zeitgenössischen Kirchenbaus formulierte.

Eröffnungs- und Abendvortrag widmeten sich komplementär dem Thema, wie sich an Person und Wirken des Petrus Canisius jeweils historische Konstrukte im 16. Jahrhundert genauso wie im 19. und frühen 20. Jahrhundert erkennen lassen.

Prof. Dr. Patrizio Foresta rekonstruierte am Beispiel des Canisius das Sendungsbewusstsein der ersten Jesuiten im Alten Reich. Die Wiederbelebung des apostolischen Lebensstils hatte Hieronymus Nadal nicht allein auf die Mission in Südamerika und Asien bezogen, sondern allgemein auf die Lebensgestaltung im theologischen, kirchenpolitischen und kulturgeschichtlichen Raum. Foresta zeigte, wie Canisius nicht nur seinen Orden, sondern auch seinen eigenen Lebensentwurf in eine kirchen- und heilsgeschichtliche Tradition einzuordnen bemüht war: Sein Vorbild Claude Le Jay charakterisierte Canisius als den Apostel Deutschlands. Nach dem Modell der Augustinischen Confessiones gliederte Canisius seine Autobiographie in zwei Lebensabschnitte: Die Jugendjahre werden verworfen, so dass das Eintrittsdatum in den Orden am 8. Mai 1543 seinen Geburtstag zu einer geistlichen Neugeburt werden lässt. Zugleich verpflichtet der Tag Erscheinung des Erzengels Michael Canisius auf seine heilsgeschichtliche Rolle als Verteidiger des Glaubens im Alten Reich. Persönlich fühlte er sich durch die Erscheinung der Apostel Petrus und Paulus berufen, als er 1549 in Rom die Gelübde ablegte. Dass auch die Stellung zur weltlichen Obrigkeit von diesem apostolischen Verständnis bestimmt und dadurch die Spannung eines „prophetisches Korrektiv“ institutionalisiert wurde, arbeitete die Diskussion zu Forestas Vortrag heraus.

P. Dr. Niccolo Steiner SJ nahm im öffentlichen Abendvortrag die Selig- und Heiligsprechung in den Blick, um zu zeigen, wie die Päpste Pius IX. und Pius XI. Canisius jeweils als „politischen Heiligen“ einsetzten, um ihn zur Leitfigur ihrer Kirchenpolitik zu erheben. Die Seligsprechung stellte Steiner in den Kontext der innerkirchlichen Streitigkeiten um den Liberalen Katholizismus, indem er den Konflikt zwischen Pius IX. und Ignaz von Döllinger als dem Vertreter eines modernen Wissenschaftsverständnisses in den Blick nahm und das Breve Tuas libenter zusammen mit der Enzyklika Quanta cura und dem Syllabus errorum als Antwort Roms aufzeigte, mit der die katholischen Theologen streng auf die neuscholastische Methode und das Lehramt verpflichtet wurden. Die Seligsprechung des Canisius, so Steiners These, wurde von Pius IX. also auch dazu eingesetzt, um ein bestimmtes Verständnis von Theologie zu verteidigen und zu fördern: Die Theologie der Römischen Schule. Das Wirken des Canisius an der Universität Ingolstadt wurde demnach konsequent als Kampf eines „Lehrers von bewährtem Glauben“ für die sana theologia gegen Abtrünnige und Aufrührer gedeutet. Diese Art von typologischer Geschichtsdeutung führte Pius XI. im Dekretalschreiben vom 21. Mai 1925 Misericordiarum Deus fort, indem er betonte, Canisius sei „wie der Prophet Ezechiel zu abtrünnigen Völkern“ durch Gottes Vorsehung gesandt worden, und seine Bezeichnung als „Hammer der Ketzer“ und „zweiter Apostel Deutschlands nach den hl. Bonifatius“ bestätigte. Erneut war es Canisius’ Geburtsjahr, das symbolisch aufgeladen wurde, weil es mit dem Jahr zusammenfällt, in dem im Wormser Edikt die Reichsacht über Luther verhängt wurde und Ignatius von Loyola bei der Belagerung von Pamplona verwundet wurde und seine Bekehrung erfuhr – genau genommen war es sogar derselbe Tag. Pius XI. fand darin seine Deutung der heilsgeschichtlichen Rolle des Canisius bestätigt: „Sooft sich heillose Menschen erhoben, hat Gott Männer erweckt, die gegen sie auftraten.“ Das Canisius-Bild in der Zeit zwischen Selig- und Heiligsprechung analysierte Steiner bei Autoren der Jesuitischen Kulturzeitschrift „Stimmen aus Maria Laach“, ab 1914 „Stimmen der Zeit“, zwischen 1865 und 1925; Florian Rieß stellte 1865 programmatisch Canisius’ Rolle bei der Absetzung des Kölner Erzbischofs Hermann von Wied und die spirituelle Bindung an den Papst in den Vordergrund seiner Charakterisierung. Im Vergleich dazu fiel Otto Braunsbergers Würdigung des Schriftstellers und Predigers anlässlich des 300. Todestags 1897 angenehm nüchtern aus: Er verzichtete gerade darauf, die politische Rolle des Canisius bei der Absetzung Hermanns von Wied herauszuheben, was sich durch eine Parallele zur Emeritierung des Kölner Erzbischofs auf Druck Preußens erklären lassen könnte. Die Würdigung durch Peter Lippert in den „Stimmen der Zeit“ anlässlich der Heiligsprechung stellte die Subjektivität des Canisius mit einem "literarisch gebändigten Pathos" heraus, wie es Steiner treffend formulierte. Die lebhafte Diskussion im Anschluss von Steiners Vortrags ergänzte weitere Aspekte des Canisius-Bildes: als Vorbild für Priester bei Konflikten in der Diaspora, die kontrastive Darstellung des Canisius als Humanist, Europäer und Brückenbauer zum 400. Todestag 1997 und die Frage nach der Rolle der Ordensleitung bei der Heiligsprechung.

Prof. Dr. Claudia Wiener

Partner

SJ-Generalskurie
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