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Ignatianische Exerzitienformen

In vier sogenannten Präferenzen hat sich der Jesuitenorden weltweit eine inhaltliche Ausrichtung für die nächsten Jahre gegeben. Was genau dies bedeutet und welche Inhalte dies sind, stellen wir ihnen hier im Laufe des Jahres Präferenz für Präferenz vor. Es soll gezeigt werden, was im Allgemeinen die Präferenzen heißen und wie der Orden sie mit Leben füllt. Die erste betrifft maßgeblich die Spiritualität des Ordens und wie die ignatianische Spiritualität den Menschen hilft, zu Gott zu finden. Der Kern dieser Spiritualität sind die sogenannten Exerzitien. ("Geistliche Übungen"), die aus den Lebenserfahrungen des heiligen Ignatius von Loyola entstanden sind. Heute gibt es eine Reihe von verschiedenen Exerzitienformen, die zwischen einer und vier Wochen dauern.

Filmexerzitien

Film-Exerzitien dauern in der Regel sechs bis acht Tage. Es sind klassische ignatianische Einzel-Exerzitien im Schweigen, doch die geistlichen Impulse werden nicht vom Kursleiter, sondern von Filmen vermittelt. Am ersten Abend nach der Einführung schaut man gemeinsam den ersten Film und geht dann in die Stille. Einen Austausch in der Gruppe gibt es weder direkt nach dem Film noch an den folgenden Tagen, denn erfahrungsgemäß werden solche Diskussionen meist ziemlich kopflastig geführt und man vergisst über filmästhetischen Beobachtungen und interessanten Bemerkungen der anderen allzu oft seine eigenen Fragen. Und gerade diese sind es, die den Sinn der Exerzitien ausmachen. So beginnt jeder Teilnehmende seinen eigenen geistlichen Weg mit dem Impuls durch den ersten Film. Der erste Tag ist ein Arbeitstag, weil man vielleicht noch nicht weiß, wie man mit einem Film beten kann. Da heißt es üben. Es gibt vier Gebetszeiten pro Tag und ein Begleitgespräch – das ist wichtig: Man ist nicht allein unterwegs.

An den ersten drei Abenden wird jeweils ein Film gezeigt, darauf folgt ein stiller Tag. Das ist sehr notwendig, weil in Exerzitien die Filme eine Intensität entwickeln, die man im Alltag sonst nicht kennt. Normalerweise geht man zusammen ins Kino, bespricht gleich das Gesehene, und dann geht der Alltag weiter. Wenn ich jedoch mit niemandem Gedanken austauschen und auch nicht in alltägliche Geschäftigkeit abtauchen kann, sondern mit mir und meinen Eindrücken ganz allein in der Stille bin, dann entwickeln die Filme eine geradezu überwältigende Kraft. Am vorletzten Abend gibt es nochmals einen Film und dann klingt die Woche mit dem Angebot einer eucharistischen Anbetung aus.

Ein weiteres wesentliches Element für die Gruppe ist die tägliche Eucharistiefeier: Man erfährt sich als feiernde und betende Gemeinschaft im Angesicht Gottes. Was sonst jeder individuell tut, nämlich Beten in Stille und Abgeschiedenheit, wird in der Gruppe zur gemeinsamen religiösen Erfahrung.

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Kontemplative Exerzitien

Das Exerzitienhaus Gries ist ein Werk der Deutschen Provinz der Jesuiten, das ausschließlich Kontemplative Exerzitien anbietet. Es wurde 1984 von Jesuitenpater Franz Jalics gegründet und gilt als Mutterhaus der kontemplativen Exerzitien.

Elemente der Kurse

Die Basis der Exerzitien ist durchgängiges Schweigen. Ein tägliches Begleitgespräch bietet Raum, die inneren Bewegungen, Empfindungen und Erfahrungen des Betens mitzuteilen. Die tägliche Eucharistiefeier greift in den Ansprachen Themen des Geistlichen Weges auf, z.B.: Gebet als Beziehungsgeschehen, Leere, Versöhnung, Leiden oder Berufung und Sendung. Die Austauschrunden an den ersten vier Tagen dienen dazu, die Erfahrungen mit den Gebetsübungen mitzuteilen. Die Kursbegleiter*innen greifen diese auf und geben Hinweise zum Umgang mit Schwierigkeiten in den Übungen, z. B.: viele Gedanken, starke Gefühle, Ablenkungen, Körperschmerzen oder Leistungsdruck.

Ein weiteres Element unserer Kurse ist die Leibarbeit am Morgen mit Yoga oder Qi Gong. Außerdem arbeiten die Kursteilnehmer*innen täglich eine Stunde im Haus. Die Mitarbeit fördert die Achtsamkeit für die kleinen Dinge und Aufgaben unseres Alltags.

Der Grieser Weg

Die Kursbegleiter*innen führen schrittweise ein in den sogenannten Grieser Weg der Kontemplation. Er beginnt mit Wahrnehmungsübungen in der Natur und Atem- bzw. Körperwahrnehmungsübungen. Es folgt das aufmerksame Erspüren der Handmitten als ein Tor, das uns in die Gegenwart führen kann. Dann führen wir in die Meditation mit einem inneren Wort, das mit dem Atemrhythmus verbunden wird und auf dessen Klang und Resonanz in uns wir achten. Es sind die Worte: Ja, Maria und Jesus Christus. Das Beten mit dem Namen Jesus Christus ist das Herzstück unseres Gebetsweges. In unseren Gebetsübungen disponieren wir uns für eine lebendige Beziehung zu Jesus Christus indem wir das üben, was für eine Beziehung wesentlich ist: Aufmerksamkeit, Präsenz und Du-Bezogenheit.

Die Kurse dauern in der Regel 10 Tage. In den letzten Jahren sind neue Kursformate entstanden: für Junge Erwachsene (Alter: 18-33), für young professionals (Alter 30-40),
6-tägige Exerzitien, große kontemplative Exerzitien und Exerzitien im Fernkurs. Alle Kurse folgen der Methodik des Grieser Weges der Kontemplation.

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Online-Exerzitien

Unser Alltag ist in der Regel bestimmt durch den Rhythmus von Arbeit und Erholung. Oft wirkt der Versuch, noch „etwas Geistliches“ in diesen Rhythmus einzubauen, nur wie eine zusätzliche Belastung, ein weiterer Termin. Die Online-Exerzitien wollen helfen, aus dieser Zwickmühle herauszukommen, ein Leben in und mit der liebenden Gegenwart Gottes zu erproben, im Alltäglichen  – ergebnisoffen, ohne Leistungsdruck, aber doch nicht unverbindlich. Anders als bei vielen Exerzitienkursen wird keine Verwurzelung im christlichen Glauben vorausgesetzt. Gerade Anfänger*innen und Wiedereinsteiger*innen in Sachen Glauben sind besonders angesprochen – ohne andere auszuschließen.

Jeden Morgen gibt es einen Impuls, kurz genug, dass man ihn in der Mittagspause, auf dem Nachhauseweg oder wo auch immer bedenken kann. Einige Teilnehmer*innen beginnen spontan, mit Gott darüber zu reden, andere denken einfach über die Impulse nach. Das, was sie bewegt, halten sie am Abend in ein paar Sätzen fest. Diese Notizen sind Grundlage für den verpflichtenden Bericht, den die Exerzitant*innen einmal pro Woche – insgesamt also vier Mal im Rahmen der 28-tägigen Exerzitien – per E-Mail an ihren Begleiter, ihre Begleiterin schicken. Diese können sich so ganz auf die Situation der Exerzitant*innen einstellen, ihnen zurückmelden, was sie hören und so helfen, tiefer und umfassender wahrzunehmen und – es geht ja um Exerzitien – Spuren Gottes zu entdecken, wo der/die Übende sie vielleicht noch nicht gesehen hat. Sie können die nächsten Impulse passgenau auswählen, können ggf. helfen, mit Schwierigkeiten, Erfahrungen, Situationen so umzugehen, dass es die Exerzitant*innen weiterführt. So sind die Online-Exerzitien individuell begleitete Einzelexerzitien – mitten im Alltag.

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Straßenexerzitien

Straßenexerzitien kommen ohne Exerzitienhaus mit Kapelle und Meditationsraum aus. Stattdessen finden sie, wie der Name sagt, auf der Straße statt. Das ist wörtlich gemeint. Maßgeblich ist die Erfahrung des Moses am brennenden Dornbusch (Ex 3,1-14). Während seines normalen Ziegenhütens geht er über die Grenze seines üblichen Gebietes hinaus. Als er den Rand seiner Welt überschreitet, macht er eine Erfahrung der Gegenwart Gottes, und zwar an einem unwirtlichen Ort. Dornbüsche sind nicht schön, attraktiv oder verheißungsvoll.  Mose geht hellwach dorthin, ihm fällt auf, dass der Dornbusch zwar brennt, aber nicht verbrennt. Beim Busch angekommen, wird er mit seinem Namen angesprochen und lernt, dass er an einem heiligen Ort ist. Denn er begegnet Gott, der seinen Namen offenbart.

Die Straßenexerzitien greifen dies auf: Gott zeigt sich an Orten, die wir nicht mögen, die die Dornbüsche unseres Lebens darstellen. Dort erfahren wir unseren Weg (unsere Berufung – Gott schickt Mose zur Befreiung der Hebräer zum Pharao), den wir im Auftrag Gottes gehen sollen.  Gott lädt uns ein zu Begegnungen mit Menschen am Rand, die wir uns nicht aussuchen, in ungewohnten Milieus, an neuen Orten, bei Menschen, die Jesus seligpreist.

Bei dieser Begegnung mit Gott soll Mose seine Schuhe ausziehen. Was Mose wortwörtlich tut, machen die Teilnehmenden der Exerzitien im übertragenen Sinn. Es geht darum, in der Begegnung mit jenen, die durch das soziale Netz gefallen und ganz unten angekommen sind, die Schuhe der Belehrung, des überlegenen Besserwissens, der bürgerlichen Sicherheit abzulegen. Genauso wie Mose mit Gott in Augenhöhe spricht, so nah kann eine Begegnung werden in Straßenexerzitien.

Die neutestamentliche “Parallele” ist die Emmauserzählung in Lk 24,12-36. Hier machen Jünger eine Fremdheitserfahrung. Obwohl Jesus viel mit ihnen spricht, verstehen die Jünger nicht, wen sie vor sich haben. Erst als die Distanz beim Brotbrechen zusammenbricht, geht ihnen ein Licht auf: “Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete?”

Straßenexerzitien sind genau solche Übungen: die Begegnung mit Fremden einüben, sich einlassen auf Arme, Kontakt suchen mit dem, was ganz anders ist als ich, an neuen Orten, in neuen Gesprächen.

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Surf & Soul

Surf&Soul ist ein Exerzitienformat, das Windsurfen und klassische Elemente der ignatianischen Tradition verbindet. Surfen ist ein Sport, der nicht nur den Körper herausfordert, sondern auch spirituelle Komponenten wie zum Beispiel Demut gegenüber Wind und Wasserkraft kennt. Metaphern wie Balance finden, Ziele setzen und ansteuern, Frust und Freude, Orientierung, Halt etc. bilden die Brücke zwischen Surfkurs, Geistlichen Übungen und persönlichem Alltag.

Diese Grundbegriffe der Spiritualität werden zusammen mit den persönlichen Erfahrungen auf dem Wasser reflektiert und auf die Relevanz für das je eigene Alltagsleben hin befragt.

Der Kurs „Kontempl-action. Surfkurs mit Tiefgang“ bietet sowohl einen VDWS-konformen 12-stündigen Windsurfkurs (ggf. mit Prüfung) als auch Zeiten der Stille, Anleitung zu Gebet und Meditation sowie Impulse zur persönlichen Reflexion.

Vorkenntnisse sind weder erforderlich noch hinderlich.

Veranstaltet von Esther Göbel, Pastoralreferentin im Erzbistum Berlin und VDWS Windsurf Instructor.

Mehr Informationen finden Sie hier

Ein persönlicher Erfahrungsbericht, wie solche Surf-Exerzitien ausschauen, können Sie hier lesen.

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