Deutsche Provinz der Jesuiten

"Dieser Boden verspricht viele Früchte"

Nobrega segnet seinen Mitbruder José de Anchieta und den portugiesischen Generalgouverneur vor der Vertreibung der Franzosen und der Gründung der Stadt São Sebastião do Rio de Janeiro.

Vor 500 Jahren wurde Brasiliens Gründerfigur Manuel da Nobrega geboren. Der pragmatische Jesuit wusste zwischen Portugiesen und Indigenen zu vermitteln, kämpfte gegen die Versklavung der Ureinwohner und machte sie zu gläubigen Untertanen.

"Der brasilianische Boden verspricht viele Früchte zu bringen, aber es fehlt an Arbeitskräften." In höchsten Tönen pries Manuel da Nobrega die neue Kolonie, 1549 in einem Brief an seine portugiesischen Oberen. Man möge aber, bat der Jesuit und Missionar, dringend Frauen schicken, um die fruchtbare Erde zu besiedeln und dem unchristlichen Treiben zwischen portugiesischen Siedlern und indigenen und afrikanischen Frauen ein Ende zu bereiten. Vor 500 Jahren, am 18. Oktober 1517, wurde Nobrega geboren.

Anfang 1549 war der aus einflussreichem Hause stammende Theologe mit dem designierten Generalgouverneur Tome de Sousa in der Allerheiligenbucht gelandet, wo sie die Stadt Salvador da Bahia gründeten, Brasiliens erste Hauptstadt.

Während Sousa die Besiedlung der 1500 entdeckten Kolonie organisierte, errichtete Nobrega die brasilianische Jesuiten-Mission. Durch "Lehre und Katechese" sollte damit Portugals Machtanspruch auch religiös abgesichert werden. Dazu sollten die Indigenen bekehrt und zu vorbildlichen Untertanen der Krone erzogen werden.

Wie Bartolome de Las Casas in Spanisch-Amerika setzte sich Nobrega für die Anerkennung der Indigenen als Menschen ein, die nicht versklavt werden dürften - zumindest solange sie brav in den Jesuiten-Missionen lebten. Doch erst mal bot sich ihm bei der Ankunft in Brasilien ein Bild des Schreckens. Die in der Kolonie lebenden Portugiesen scherten sich wenig um Moral und Gottes Wort. Sie hatten gleich mehrere Frauen, indigene oder afrikanische Sklavinnen. Aus diesen Verbindungen entsprangen immer mehr Mestizen.

Nobregas anfängliche Empörung wich freilich bald einem pragmatischem Kalkül. Denn das unmoralische Durcheinander erleichterte seinen Bekehrungsauftrag. Während die "bekehrten" Indigenen nach erfolgter Katechese und trotz anschließender Taufe die christlichen Gebote schlicht ignorierten, erzogen die mit Europäern liierten Frauen die gemeinsamen Kinder im christlichen Glauben.

Solchen Pragmatismus teilten nicht alle. Pero Fernandes Sardinha, Brasiliens erster Bischof, schwärzte Nobrega in der Heimat an. Ihm missfiel, dass der die Indio-Sprachen bei Messen und Beichten zuließ, indigene Bräuche nicht verbot und nichts gegen die Vermehrung "heidnischer Mestizen" unternahm. Man solle schließlich aus den Heiden Christen machen und nicht umgekehrt.

Ironie des Schicksals: Jahre später wurde der Hardliner Sardinha ausgerechnet von aufgebrachten Indigenen buchstäblich verspeist. Nobrega hingegen gelang es, ein Vertrauensverhältnis zu den Indigenen aufzubauen und sie in den Dienst Portugals zu stellen. In den Folgejahren gründete er entlang der Küste zahlreiche Indio-Missionen, Schulen und Seminare.

Um einen Frieden mit dem Stamm der Tamoyos zu erreichen, bieten sich Nóbrega und Anchieta ihnen 1563 als Geisel an.

Als erster wagte er sich zudem 1554 hinauf in das von feindseligen Indigenen bewohnte Küstengebirge nördlich der Hafenstadt Sao Vicente. Auf einem rund 60 Kilometer landeinwärts gelegenen Hochplateau gründete er die Mission Piratininga, die bald schon in Sao Paulo umbenannt wurde. Von hier aus wurden in den folgenden Jahrhunderten das Landesinnere erschlossen. Heute ist Sao Paulo die größte Stadt der südlichen Hemisphäre und Brasiliens Wirtschaftsmotor.

Als die Franzosen die weiter nördlich liegende Guanabara-Bucht besetzten, um dort einen protestantischen Staat zu errichten, schwang sich Nobrega gar zum Anführer der Gegenreform in der neuen Welt auf. Seinem Treueschwur gegenüber dem Papst folgend, stellte er sich den Häretikern in den Weg. Zur Unterstützung der Portugiesen stellte er eine kampfstarke Truppe aus Indigenen zusammen.

An einem Strand unterhalb des Zuckerhuts gründete der Trupp 1565 die Stadt Rio de Janeiro, von 1763 bis 1960 Brasiliens Hauptstadt. Damit war Nobrega an der Gründung der drei wichtigsten Städte Brasiliens beteiligt. Nach jahrelangem Ringen gelang es den Portugiesen schließlich, die Franzosen aus der Bucht zu vertreiben. Das Riesenreich war für die portugiesische Krone gesichert.

Das beschwerliche Leben in den Tropen forderte seinen Tribut. Seit 1567 schwer krank, starb Nobrega an seinem Geburtstag 1570 in Rio de Janeiro. Es bleiben seine Berichte, einzigartige Zeugnisse über das Leben in der frühen Kolonie. Der Mann der Wissenschaften, in Salamanca und Coimbra in kanonischem Recht und Philosophie geschult, gilt bis heute als herausragender Intellektueller seiner Zeit. Aus seiner Feder stammen auch die frühesten erhaltenen Prosatexte Brasiliens.

Von Thomas Milz (KNA)

letzte Aktualisierung am 17.10.2017