Deutsche Provinz der Jesuiten

Audace – habt Wagemut für das Unwahrscheinliche!

Besuch von Papst Franziskus am 24. Oktober in der Aula der Generalkongregation in der Generalskurie.

Erinnerungen an die Generalkongregation - von Provinzial Johannes Siebner SJ

Vor genau einem Jahr einem tagte in Rom die 36. Generalkongregation. Sie wählte mit Pater Arturo Sosa SJ nicht nur einen neuen Generaloberen, sondern gab dem Orden wichtige neue Impulse für die Zukunft. P. Johannes Siebner SJ, der als Delegierter daran teilnahm und währenddessen zum Provinzial ernannt wurde, blickt zurück und nach vorn.

"Audace". Das Wort begleitet mich seit dem 2. Oktober 2016. Der Ordensmeister der Dominikaner, Pater Bruno Cadoré OP, sprach davon in der Predigt zur Eröffnung der 36. Generalkongregation der Jesuiten.

Predigt des Ordensmeisters der Dominikaner, P. Bruno Cadoré OP.

Mein Französisch ist nicht gut genug, als dass ich der Predigt hätte leicht folgen können - erst später habe ich das englische Manuskript richtig studieren können. Das Wort "audace" aber ist mir schon während der Predigt in der Kirche Il Gesù aufgefallen und hängen geblieben, zehnmal benutzt Pater Bruno das Wort und fordert die Gesellschaft Jesu auf zum "Wagemut für das Unwahrscheinliche". Es ist ihm damit gelungen, den mehr als 200 Delegierten der Generalkongregation gleichsam einen Ohrwurm einzupflanzen. Wo steht die Gesellschaft Jesu im Jahr 2017? Was bewegt die Jesuiten heute? Was gibt Anlass zu Wagemut oder Kühnheit?

Die Wahl eines neuen Generaloberen

Die 36. Generalkongregation versammelte sich von Anfang Oktober bis Mitte November 2016 in Rom. Sie hat sich zu Beginn ihrer vornehmsten und wichtigsten Aufgabe gewidmet und einen neuen Generaloberen gewählt. Zunächst wurde der Rücktritt des weit über den Orden hinaus geschätzten Pater Adolfo Nicolás SJ angenommen - Alter und Gesundheit gaben den Ausschlag - und dann begab sich die Versammlung der 65 Provinziäle, der 25 "geborenen" oder ernannten Mitglieder der Kongregation und der gut 120 weltweit gewählten "Elektoren" in das sehr besondere und für die Jesuiten typische Verfahren der Wahl eines Generaloberen. Zunächst schaute die Versammlung ausführlich auf den in Kontinentalkonferenzen vorbereiteten und sorgfältig erstellten Bericht "de statu", eine Zustandsbeschreibung der weltweiten Gesellschaft Jesu. Es ging dabei sehr realistisch zu, ein Blick auf den "Spielstand", nicht auf das Wunschergebnis, wie ein ostafrikanischer Delegierter aus der Redaktionsgruppe sagte.

P. Johannes Siebner SJ (r.) bei der "Murmuratio" mit dem amerikanischen Delegierten P. David Collins SJ.

Es folgte ein intensiver Austausch in Kleingruppen über die Herausforderungen der weltweiten Gesellschaft Jesu für die kommenden Jahre und über die Eigenschaften eines zukünftigen Generaloberen. Die Liste der Eigenschaften für den neuen "Chef ", die dann zusammengetragen wurde, war sehr beeindruckend, fast ein wenig erschreckend. Wer bitte kommt denn da überhaupt in Frage? "A man like Jesus, ... well, Jesus on a good day", raunte mir ein Mitbruder zu. Schließlich ging es dann in die berühmten "Murmurationes", die Zeit des intensiven Gebets und der vielen Vieraugen-Gespräche. Vier ganze Tage. Sehr liebevoll und sehr konkret, sehr klare Regeln und doch auch sehr große Freiheit, beten und abwägen, fragen und Auskunft geben.

Die Unterscheidung der Geister funktioniert: Sie kann Freiheit befördern und Kreativität freisetzen, den Wagemut für das Unwahrscheinliche.

Nach der Messe zum Hl. Geist in der Kirche Santo Spirito ziehen die Delegierten zur Wahl in die benachbarte Generalskurie.

Den Tag der Wahl begannen wir mit einer feierlichen Messe zum Heiligen Geist. Während dieser Messe stellte sich bei mir ein Frieden und eine tief empfundene Gewissheit ein, dass die Wahl gut und schnell gelingen würde. Dieses Verfahren und die Weise, sich auf ein wirklich offenes Wahlgeschehen einzulassen und dem Geist zu trauen, macht für mich einen ersten Aspekt der Kühnheit aus, von der Pater Cadoré gesprochen hat. Die Unterscheidung der Geister, wie Ignatius sie in den Exerzitien beschreibt, das durfte ich erleben, ist tatsächlich "noster modus procedendi" und es funktioniert: Gründliche Reflexion, klare Analyse und Bewertung, daraus ergeben sich Ziele und Visionen, hörendes Gebet, geistlicher Austausch und mitbrüderliches, gemeinsames Abwägen, das dann auch zu einer Entscheidung und zum nächsten Schritt führt. Das kann Freiheit befördern und Kreativität freisetzen, den Wagemut für das Unwahrscheinliche.

Als erster Nichteuropäer leitet der Venezolaner Arturo Sosa SJ heute den größten Männerorden der katholischen Kirche.

Pater Arturo Sosa SJ aus Venezuela, das also ist der neue Generalobere. Am Tag nach seiner Wahl predigt er in dem feierlichen Dankgottesdienst, wieder in Il Gesù, und nimmt direkt das Motiv des Wagemuts auf: Wagemut für das Unwahrscheinliche. Und er buchstabiert es skizzenhaft durch als Frucht des Glaubens, der uns immer wieder einlädt zuerst auf Gott und mit ihm auf die Welt zu schauen. Wie Ignatius und so viele Mitbrüder im Laufe der Geschichte, so fährt Pater Arturo Sosa fort, "wollen wir beitragen zu dem, was heute unmöglich erscheint: Eine versöhnte Menschheit in Gerechtigkeit, die in Frieden lebt, in und mit der einen gemeinsamen Schöpfung, in der Platz ist für Alle, weil wir uns anerkennen als Brüder und Schwestern, Söhne und Töchter des einen Vaters." Die Gesellschaft Jesu tut, was immer sie tut, nicht aus eigener Kraft, nicht aus eigenem Vermögen und nicht um ihrer selbst willen. Darum gilt es, zuerst und immer der Gnade Gottes zu trauen. Das ist wahre Kühnheit. Wachstum und Fruchtbarkeit der Gesellschaft Jesu kommen aus der "Tiefe des geistlichen Lebens" aller Mitbrüder und aller Kommunitäten. "Gleichzeitig braucht es außerordentlich intellektuelle Tiefe, um kreative Wege zu finden, unsere Mitwirkung an der Sendung Jesu effektiver werden zu lassen." Es gehe darum, die Zeichen der Zeit genau zu lesen und so gut wie möglich zu verstehen, um beitragen zu können zu weniger Armut, weniger Ungleichheit, weniger Unterdrückung.

Schließlich setzt der gerade gewählte Generalobere in dieser Predigt einen weiteren zentralen Akzent, der sich durch die nächsten Wochen der Generalkongregation ziehen wird: "Wir sind nicht allein." Wachstum gibt es nur in Zusammenarbeit mit anderen, mit Nicht-Jesuiten, die dieselbe Sendung teilen. Die Sendung des Ordens ist Teilhabe an der "Missio Dei" - und die haben wir nicht exklusiv.

Pater Arturo Sosa SJ (68) war sicher einigermaßen überrascht von seiner Wahl, und doch spricht er gleich nach der Wahl fast schon programmatisch vom Wagemut für das Unmögliche, "weil wir das Unmögliche hoffen".

"Ich bin für Euch da, ohne Umwege", versprach der neue Generalobere seinen Mitbrüdern.

Arturo Sosa ist ein spiritueller Mann tiefer Frömmigkeit, der als studierter und dann auch lehrender Politologe ganz in der Welt zu Hause ist. Er weiß aus direkter Anschauung und persönlicher Erfahrung, was es heißt, wenn ein Land und ein Volk im Chaos zu versinken drohen. Er war daheim bei den einfachen Leuten in den Barrios von Caracas. Als Professor, Provinzial und Direktor einer Universität diskutierte und rang er auch auf Augenhöhe mit dem Präsidenten der Republik. Pater Arturo Sosa, das ist mir gleich aufgefallen, ist ein humorvoller Mensch, der herzlich lachen kann, sowohl über einen guten Witz wie über sich selbst, welch ein Glück. Er geht leicht in Beziehungen ohne kumpelhaft daher zu kommen. Bei einer Versammlung für die Provinziäle direkt nach der Generalkongregation schrieb er seine persönliche Mailadresse für uns auf: Ich bin für Euch da, ohne Umwege. Pater Klaus Väthröder SJ, unser Missionsprokurator, kennt Arturo Sosa gut und sagt: "Die Nähe zu den Armen, der Dienst am Glauben sowie die Förderung der Gerechtigkeit im Kontext der kulturellen Vielfalt durchziehen sein Leben. ... Er hat die Fähigkeit, die Realität zu durchdringen, Potentiale und neue Wege zu entdecken und strategische Visionen zu entwickeln."

Die Dokumente und ein bewegender Brief

Auf das Hauptdokument der Generalkongregation möchte ich nur kurz verweisen, obwohl es wohl gerade dieses "Dekret 1" ist, was über die Jahre bleiben wird und der Gesellschaft Jesu für das nächste Jahrzehnt die Richtung weist: "Gefährten in einer Sendung der Versöhnung und der Gerechtigkeit". Auf wenigen Seiten und in Teilen überraschend konkret, ermutigt es den Orden zu einer tiefen, ja radikalen Erneuerung des geistlichen und des kommunitären Lebens. Eigentlich bin ich ein halbes Jahr nach dem Ende der Generalkongregation überrascht, dass dieses Dekret, das ja quasi Gesetzeskraft hat für uns Jesuiten, nicht Entsetzen oder zumindest Abwehr ausgelöst hat im Orden - jedenfalls nicht wahrnehmbar für mich. Dieser erste Teil des Dekrets beschreibt sehr konkret die Gefährtenschaft der Jesuiten als "unterscheidende Gemeinschaft mit weitem Horizont". Die Weise, wie wir zusammen leben, soll nicht zuerst praktisch sein und möglichst reibungslos funktionieren. Unser Leben als Gemeinschaft und in konkreten Gemeinschaften vor Ort ist selber Teil der Sendung, soll Zeugnis geben: "Heimstätten für das Reich Gottes". Die Begegnung mit der Barmherzigkeit Gottes hat die Kraft, unser Leben als Gemeinschaft zu verwandeln und ist zugleich die Quelle, jenes "apostolischen Wagemuts, der die Gesellschaft Jesu auszeichnete und den wir bewahren müssen."

Im Glauben wissen wir, dass inmitten der Schwierigkeiten und Herausforderungen unserer Zeit Gott niemals aufhört, sich um die Rettung aller Menschen, ja, der ganzen Schöpfung, zu mühen.

"Gefährten in einer Sendung der Versöhnung und der Gerechtigkeit": Abstimmung der Delegierten.

Die Generalkongregation hat zudem versucht, auf die zentralen Rufe zu hören, die der Herr heute an die ganze Gesellschaft richtet und hat als Schlüssel zu verschiedenen Aspekten unserer Sendung den Begriff der Versöhnung gefunden. Gott selbst geht in die Vorhand, er ist es, der das Werk der Versöhnung ermöglicht. Er lässt uns teilhaben an seinem Dienst der Versöhnung, nämlich als Versöhnung mit Gott, unter den Menschen und mit der Schöpfung. Dies wird dann auch wieder erstaunlich konkret und herausfordernd entfaltet und lohnt der sorgfältigen Lektüre. Und plötzlich war dann von tiefer Freundschaft die Rede. Tränen flossen und manche Stimme brach in der großen Aula, als der Entwurf eines Briefes an jene Jesuiten und Mitarbeiter vorgetragen wurde, die in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt leben und arbeiten. Drei Mitbrüder aus drei Kontinenten hatten die Idee dazu und stellten das Dokument vor. Zahlreiche Provinziäle meldeten sich und berichteten sehr emotional von "ihren Männern" und von den Mitarbeitern des Jesuit Refugee Service und anderer Organisationen in Syrien, Süd-Sudan, Kolumbien, Zentralafrika, Afghanistan, Ukraine, Irak und vieler anderer Orte. "Wir danken Gott für Euer Zeugnis der Freundschaft und der Hoffnung. Wir sind dankbar für den reichen Segen, den Ihr empfangt von den Menschen, denen Ihr dient, ein Segen für die gesamte Gesellschaft Jesu." Der Brief erinnert dann stellvertretend für zahlreiche Mitbrüder, die ihr Leben in den vergangenen Jahren verloren haben, an Frans van der Lugt, der 2014 in Homs erschossen wurde oder an die Märtyrer von El Salvador (1989). Die Generalkongregation erinnert an Paolo Dall'Oglio, der 2013 in Syrien verschleppt wurde und noch immer vermisst wird. Der Dienst so vieler Jesuiten und Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wird eingebunden in die Tradition und die Sendung. Mir persönlich ist das Wort von der Freundschaft im Herzen hängen geblieben: der Dienst der Freundschaft an den Opfern von Gewalt und Verfolgung; Zeugnis geben von der Freundschaft Jesu zu den Menschen, von seiner Option für die Armen - und beschenkt werden mit dem Segen derer, zu denen wir gesandt sind. Wenn das keine Ermutigung zu mehr Mut und Kühnheit ist.

Trost, Mitgefühl und Unterscheidung: Mit diesen drei Stichworte beschrieb Papst Franziskus den Weg der Gesellschaft Jesu.

In diesem Sinne klingen noch einmal die Worte der Predigt von Pater Bruno Cadoré OP nach: "Im Glauben wissen wir, dass inmitten der Schwierigkeiten und Herausforderungen unserer Zeit Gott niemals aufhört, sich um die Rettung aller Menschen, ja, der ganzen Schöpfung, zu mühen. Wir glauben, dass Gott, 'der die Welt mit sich versöhnt hat' (2 Kor 5,19), sein Werk fortsetzt. Wir hören die dringlichen Aufrufe, dem Herrn in der Sorge für die Ärmsten zu folgen und Gottes Barmherzigkeit dorthin auszuweiten, wo Ungerechtigkeit, Leid oder Verzweiflung den göttlichen Plan zu vereiteln scheinen. Wir beten um den Mut und die Freiheit, 'die Kühnheit des Unwahrscheinlichen zu wagen', wenn wir auf den Ruf Gottes antworten, mit der Demut derer, die wissen, dass in dem Dienst, in dem Menschen alle ihre Energie aufbringen müssen, alles von Gott abhängt."

letzte Aktualisierung am 07.10.2017