Die Crux mit den Christfluencern – und ihren unsichtbaren Kritikern
Pascal Meyer SJ

Christfluencer polarisieren. Für die einen sind sie Hoffnungsträger einer Kirche, die Menschen dort erreicht, wo diese heute unterwegs sind. Für die anderen stehen sie für seichte Theologie und fehlende Reflexion. Doch das Problem liegt nicht bei den Christfluencern, sondern bei ihren Kritikern, die sich weigern, die digitale Sprache zu lernen.
Der Begriff Influencer, der für Menschen mit großer Reichweite und Beachtung in den sozialen Netzwerken steht, führt eine alte Tradition fort. Denn Einfluss hatten Menschen schon lange vor TikTok und Instagram: Königinnen, Philosophen, Schriftstellerinnen, Unternehmer oder religiöse Anführer prägten ihre Zeit. Neu ist nicht der Einfluss selbst, sondern die Bühne und ihre Regeln.
Auch christliche Influencer, sogenannte Christfluencer, sind kein völlig neues Phänomen, sondern eine digitale Variante dessen, was die Kirche seit Jahrhunderten kennt: Menschen, die andere mit Sprache, Persönlichkeit und Überzeugung erreichen. Charisma und Reichweite waren immer hilfreich – bedeuten aber nicht automatisch theologische Kompetenz. Teresa von Ávila, Franz von Assisi oder Mutter Theresa studierten nie Theologie und erreichten dennoch unzählige Menschen.
Was nicht auf Social Media ist, existiert nicht
Wichtig scheint mir allerdings: Social Media ist längst kein Nebenschauplatz mehr. Hier entstehen Meinungen, werden Weltbilder geprägt und viele junge Menschen stellen erstmals Fragen nach Gott, Sinn und Wahrheit. Wer diesen Raum ignoriert, verzichtet auf gesellschaftliche Relevanz und Wahrnehmung.
Die Debatte bewegt sich aber oft zwischen zwei Extremen. Die einen sehen in Christfluencern den Niedergang des theologischen Diskurses: Aufmerksamkeit ersetze Bildung, Reichweite verdränge Autorität und Bibelzitate würden zur digitalen Lehrverkündigung. Diese Sorgen sind nicht unbegründet. Viele verwechseln Followerzahlen mit Kompetenz. Die anderen folgen bekannten Predigern oder Christfluencern beinahe kritiklos. Jede Pointe wird geteilt, jede Meinung zur Offenbarung erklärt.

Kritik allein reicht nicht
Bemerkenswert ist meines Erachtens weniger die Existenz der Christfluencer als die Haltung vieler Kritiker. Sie beklagen die Oberflächlichkeit sozialer Medien und kritisieren fragwürdige Accounts – überlassen den digitalen Raum aber genau jenen, die sie kritisieren. Das erinnert an Fußballexperten, die nach dem Spiel erklären, was schiefgelaufen ist.
Natürlich belohnt Social Media Zuspitzung. Polarisierung erzeugt Aufmerksamkeit, Empörung Reichweite und einfache Erklärungen verdrängen differenzierte Debatten. Doch das ist kein exklusives Problem der Christfluencer. Auch Politik, Journalismus und klassische Medien arbeiten mit Vereinfachungen.
Neue Formen religiöser Autorität
Und das Problem liegt tiefer. Eigentlich geht es um Deutungshoheit religiöser Diskurse. Während diese Rolle früher institutionell geregelt war, steht sie heute vielen offen. Während einige die sozialen Medien lange unterschätzten, lernten andere die Sprache dieser neuen Öffentlichkeit: Sie erzählen Geschichten, sprechen verständlich und erreichen Menschen. Dass manchen dabei die theologische Tiefe fehlt, ist offensichtlich. Die kommunikativen Defizite kirchlicher Fachleute aber ebenso.
Papst Leo XIV. hat bei der ersten internationalen Konferenz katholischer Influencer die sozialen Medien als Raum bezeichnet, der nicht sich selbst überlassen werden dürfe. Die Kirche solle sich nicht zurückziehen, sondern ihn mitgestalten.
‚Kritik an Christfluencern ist notwendig. Doch sie allein verändert keinen Diskurs. Sie wird erst konstruktiv, wenn sie bereit ist, selbst Verantwortung zu übernehmen.‘
Theologinnen und Theologen, Historiker, Philosophinnen und Seelsorger müssen dafür nicht selbst Influencer werden, könnten aber diejenigen unterstützen, die Menschen erreichen. Mediale Begabung und fachliche Tiefe sind keine Gegensätze. Wer oberflächlichen Content kritisiert, sollte nicht am Spielfeldrand stehen bleiben, sondern die digitale Sprache lernen und nutzen.
Das eigentliche Problem unserer Zeit ist nicht, dass Christfluencer den religiösen Diskurs prägen. Sondern dass viele ihrer Kritiker überzeugt sind, es besser zu können – und dabei unsichtbar bleiben.
Weitere Zwischenrufe

Grundrecht auf analoges Leben
Mit dem immer stärker werdenden Druck der Digitalisierung wird das Smartphone zum Tool, ohne das der Alltag bald nicht mehr funktioniert. Doch dadurch entstehen neue Formen der Ausgrenzung.

Warum ich Magnifica humanitas als geistliche Lektüre empfehle
Immer mehr Macht oder wahre Gemeinschaft? Wie wird sich die Menschheit entscheiden? Darüber schreibt Papst Leo XIV. in seiner ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“.