Zwischenruf SJ

„Entwaffnet euch!“: Babel oder Jerusalem?

Andreas R. Batlogg SJ

28.05.2026

Mit seiner ersten Enzyklika „Magnifica Humanitas“ positioniert sich Papst Leo XIV. zur Frage, wie KI dem Wohl der Menschheit dienen kann, und legt damit die Roadmap seines Pontifikats vor.

Allein schon die Präsentation am Pfingstmontag war großes Kino: drei Kurienkardinäle, die beiden Professorinnen Ann Rowlands und Léocadie Lushombo, außerdem der 33-jährige Kanadier Christopher Olah, Co-Gründer des kalifornischen Start-up-Unternehmens Anthropic, der sich selbst als Atheist bezeichnet, einer der weltweit führenden KI-Forscher. Und eine weitere Premiere: Der Papst selbst war anwesend.

In einer kurzen Rede ging Leo XIV. auf die Entstehungsgeschichte seiner ersten, am 15. Mai 2026 unterschriebenen Enzyklika ein: „Magnifica Humanitas ist aus dem Zuhören entstanden, wie es Leo XIII. tat. Ich habe Wissenschaftlern und Ingenieuren zugehört, die mit aufrichtigem Eifer an Technologien arbeiten, die immenses Leid lindern können; politischen Führern und Amtsträgern, die beharrlich nach gerechten Regeln gesucht haben; Eltern und Lehrern, die sich tief um die Zukunft der jüngeren Generationen sorgen.“

Entwaffnen reicht nicht: „Wir müssen aufbauen“

Sein eindringlicher Appell: „Künstliche Intelligenz muss entwaffnet werden. Das Wort ist stark, ich weiß, aber bewusst gewählt, weil dieser Moment Worte braucht, die Aufmerksamkeit erregen, das Gewissen wecken und Wege für die Menschheit aufzeigen können.“ „Entwaffnen“ bedeutet für Leo XIV.: „befreit von Logiken, die sie zu einem Instrument der Herrschaft, der Ausgrenzung und des Todes machen. Wie die Kernenergie muss sie im Dienst aller und des Gemeinwohls stehen. Entscheidungen über Technologie dürfen niemals von Gewissen und Verantwortung getrennt werden.“ Entwaffnen reicht nicht: „Wir müssen aufbauen.“

Diese Enzyklika ist ein großer Wurf! Das Lehrschreiben mit dem Untertitel „Über die Bewahrung des Menschen im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“ wird in den Staatskanzleien dieser Welt aufmerksam gelesen werden (müssen).

Politiker werden die Ohren spitzen

Ob Washington, Moskau, Peking oder Brüssel: Politiker werden die Ohren spitzen. Etwa wenn Leo davon spricht, dass internationale Organisationen oder die Vereinten Nationen, so reformbedürftig sie seien, „unverzichtbare Instrumente zur Förderung einer Zivilisation der Liebe“ (MH 226) seien. Wenn er die Überwindung der Theorie des „gerechten Krieges“ verlangt, sich für die UN-Charta stark macht, militärische Arsenale und den Ausstieg aus dem Atomwaffenverbotsvertrag beklagt, die „Krise des multilateralen Systems“ und die wachsende „Versuchung“ anspricht, „eine kollektive Identität aufzubauen, das Narrative schürt, in denen sich jede Partei als Opfer darstellt , das ein Recht auf Vergeltung hat“. „Vereinfachende Schemata – ,ich zuerst‘, ,Freund-Feind‘, ,wir-ihr‘ begünstigen oft unverantwortliche Entscheidungen, die das gegenseitige Vertrauen zwischen Nationen untergraben. Die Stärke des Völkerrechts wird somit durch das vermeintliche ,Recht des Stärkeren‘ ersetzt, und seine Mittel – von den für Kriegsverbrechen zuständigen Gerichten bis hin zu den Gerichten, die Streitigkeiten zwischen Staaten schlichten sollen – werden oft umgangen oder geschwächt, was verheerende Folgen für die politische Kultur und das Zusammenleben hat.“ (MH 202)

Konstruktion von Babel oder Wiederaufbau Jerusalems

Die beiden biblischen Bilder sind überzeugend. Sie benennen die Alternative: Babel oder Jerusalem? Das „Babel-Syndrom“ beschreibt Leo als „die Vergötterung des Profits, die die Schwachen opfert; die Einförmigkeit, die Unterschiede nivelliert; den Anspruch einer einzigen – auch digitalen – Sprache, die in der Lage ist, alles, sogar das Geheimnis der Person, in Daten und Leistung zu übersetzen“. Er setzt dagegen auf „den Weg Nehemias“ (MH 10), den Propheten: Es gehe nicht „um eine Entscheidung zwischen ,Ja‘ oder einem ,Nein‘ zur Technologie, sondern die zwischen der Konstruktion von Babel und dem Wiederaufbau Jerusalems“ (MH 9). Der eindringliche Appell: „Scheuen wir uns nicht, uns auf der Baustelle unserer Zeit die Hände schmutzig zu machen.“ (MH 16) Kein weiterer Turmbau zu Babel also.

Unterzeichnet hatte Leo XIV. die Enzyklika am 15. Mai – ein historisches Datum, mit dem er an die Tradition der großen Sozialenzykliken seit Leo XIII. („Rerum novarum“, 1891) anknüpft. Der Papst spricht sich für einen Ethikkodex und eine Regulierung für Künstliche Intelligenz aus. KI ist für ihn „eine Macht, mit der wir uns auseinandersetzen müssen. Daher reicht es nicht aus, sie zu regulieren: Sie muss entwaffnet und lebensfreundlich gemacht werden.“ (MH 110)

In der Zeit des digitalen Wandels keine resignierten Zuschauer sein

Der Effizienz von Maschinen stellt Leo die „Spiritualität“ eines „weisen Baumeisters“ entgegen: „Eingetaucht in unaufhörliche Flüsse von Informationen, Meinungen und Bildern, wissen wir, wie leicht es ist, Entscheidungen und Vorlieben durch immer raffiniertere Algorithmen zu beeinflussen.“ (DH 237)

Seine Appelle: der Wahrheit treu bleiben, in Bildung investieren, Beziehungen pflegen, Gerechtigkeit und Frieden lieben – mit einem „klaren Blick auf die Lieferketten digitaler Produkte“ (MH 240). Am Ende greift Leo erneut die biblische Metapher vom Wiederaufbau Jerusalems auf. Nehemia können „Begleiter und Wegweiser“ sein: „In ihm erkenne ich ein leuchtendes Gleichnis für unsere Berufung, in der Zeit des digitalen Wandels keine resignierten Zuschauer sozialer und kultureller Brüche zu sein, keine bloßen Kommentatoren der Ruinen, sondern Frauen und Männer, die sich an die Baustellen der Geschichte begeben – Forschungslabore, Technologieunternehmen, Schulen, Medien, Institutionen, lokale Gemeinschaften –, um das wieder neu zu errichten, was zusammengebrochen ist, und das zu schützen, was gefährdet ist.“ (MH 241)

Leo XIV. hat die Roadmap seines Pontifikats vorgelegt

Dass eine Enzyklika Thomas von Aquin oder Augustinus zitiert, kann nicht verwundern. Überraschender sind die Bezugnahmen auf Romano Guardini, Viktor Frankl, John Ronald Reuel Tolkiens „Herr der Ringe“, Schindlers Liste, Beethovens Neunte oder Guernica. Leo kann auch ganz praktisch sein, wenn er ein Bildungsbündnis für das digitale Zeitalter (MH 139-142) vorschlägt.

Fünf Kapitel, 245 Abschnitte, 224 Fußnoten: kein schnell zu lesender Text. Aber Leo XIV. hat damit die Roadmap seines Pontifikats vorgelegt. Mit diesem Papst ist zu rechnen – entgegen allen eiligen Bedenkenträgern, die einen restaurativen Rollback prophezeit haben, nur weil er, anders als Franziskus, auf Stil, Ästhetik und Protokoll wert legt.

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