Zwischenruf SJ

Führung oder Verführung?

Eckhard Frick SJ

18.08.2026

Führung kann zur Verführung werden, wenn narzisstische Konstellationen kollektiv wirksam sind. Welche Rolle spielen der individuelle und kollektive Narzissmus bei der neuen Sehnsucht nach Führung?

Stolz sein auf die eigene Leistung, die eigene Fitness und Attraktivität, die eigene Familie und den eigenen Besitz: All dies kann dazu motivieren, von den eigenen Glanzseiten zu erzählen und eigene Videos, Bilder und Texte in sozialen Medien zu posten. Über den medialen Erfolg entscheiden Follower- und Likezahlen, die Währung der Anerkennung. Von „Narzissmus“ sprechen wir in der Umgangssprache erst, wenn uns die Selbstdarstellung übertrieben oder sogar missbräuchlich erscheint. Die soziale Anerkennung erzeugt Selbstwert wie eine Lichtmaschine oder wie ein Akku, der sich immer wieder auflädt. „Narzisstisch“ erscheinen uns hingegen Menschen, die andere Personen wie Batterien ausnutzen und dann wegwerfen.

Das Wort „Narzissmus“ stammt aus dem Narkissos-Mythos über einen attraktiven Jüngling, der nur sich selbst lieben kann und sich schließlich dadurch selbst tötet, dass er sich in sein Spiegelbild stürzt. Narkissos ist nicht beziehungsfähig. Insbesondere kann er das Werben der schönen Flussnymphe Echo nicht an sich heranlassen.

‚Expansiv-narzisstischen Persönlichkeiten fehlt Empathie für andere und der Sinn für die eigene Verletzlichkeit.‘

Die Psychoanalyse beschreibt den Narzissmus so wertungsfrei wie möglich. Sie zeigt, dass zur gesunden menschlichen Entwicklung die narzisstische Spiegelung gehört: der Glanz im Auge der Mutter, die von den täglichen Fortschritten ihres Babys begeistert ist. Allerdings kann der Narzissmus, also die Selbstwertregulation, zu schweren seelischen Störungen führen. Zu unterscheiden sind der expansive, dickfellige Narzissmus und der verletzliche, dünnhäutige Narzissmus. Beide narzisstischen Pole können bei ein und demselben Menschen vorkommen, bei Persönlichkeitsstörungen jedoch mit dem Akzent auf einem der Pole. Expansiv-narzisstischen Persönlichkeiten fehlt wie dem mythologischen Narkissos Empathie für andere und der Sinn für die eigene Verletzlichkeit. Solche Menschen können andere durch Macht, sexuelle Potenz oder spirituelle Ausstrahlung als Guru, Heilerin, Schamane usw. missbrauchen. Was aber in der Umgangssprache meist vergessen wird: Auch dünnhäutig-verletzliche Persönlichkeiten haben ein Selbstwertproblem. Wie die Nymphe Echo bewundern sie expansiv-narzisstische Menschen. Sie sonnen sich in ihrem Glanz. Im Mythos wird die Nymphe Echo von der Göttermutter Hera dadurch bestraft, dass sie nur noch das Ende eines Satzes aussprechen kann und schließlich zu Stein wird, der menschliche Stimmen widerhallen lässt.

‚Die neue Sehnsucht nach Führung existiert auch in dem Land, das von einem selbsternannten „Führer“ in den Abgrund geführt wurde.‘

Im individuellen Leben können sich derartige Konstellationen zum Beispiel in der Ehe eines expansiv-narzisstischen Menschen mit einem dünnhäutig-verletzlichen Menschen zeigen, der als Co- oder Komplementär-Narzisst am Glanz des Partners Anteil hat. Narzisstische Konstellationen haben jedoch auch eine kollektive und gesellschaftspolitisch relevante Dimension: Die neue Sehnsucht nach Führung existiert auch in dem Land, das von einem selbsternannten „Führer“ in den Abgrund geführt wurde. Führung kann zur Verführung werden, wenn narzisstische Konstellationen kollektiv wirksam sind: Eine expansiv-narzisstische Persönlichkeit bietet sich als Retterin in der Not, als Erklärer, als Problemlöserin an, meist in wohl abgestimmten medialen Offensiven, die auf die Kränkungen, Verluste und Existenzängste dünnhäutig-verletzlicher Menschen ausgerichtet sind. So kann die paradoxe Wirkung entstehen, dass von der politischen Klasse enttäuschte Menschen ausgerechnet von denen Verständnis und Unterstützung erwarten, die ausschließlich ihren eigenen Vorteil in Form von Besitz und gesellschaftlichem Einfluss im Auge haben.

Eine erhebliche Gefahr für die liberale Demokratie

Das kollektive Zusammenspiel von expansiv-narzisstischen Führern und dünnhäutigen, verletzten und enttäuschten Persönlichkeiten stellt eine erhebliche Gefahr für die liberale Demokratie dar: die Anlehnung an Führungspersönlichkeiten, die weder Selbstzweifel noch Wahrhaftigkeit kennen, führt zur Radikalisierung und zur Unfähigkeit, andere Standpunkte zu prüfen - im gesellschaftlichen Dialog Zweifel an den eigenen Positionen und denen der eigenen Echokammer zuzulassen. Die Hamburger Forschungsgruppe von K.M. Reininger kann belegen, dass Schulungs- und Trainingsmaßnahmen Radikalisierung verhindern und die Fähigkeit zum gesellschaftlichen Dialog fördern können.

In der August-Ausgabe der Kulturzeitschrift „Stimmen der Zeit“ hat Eckhard Frick SJ einen Beitrag über die „Neue Sehnsucht nach Führung“ veröffentlicht.

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