Heilige vom Sockel holen – und ins Leben rücken
Andreas R. Batlogg SJ

Heilige vom Sockel heben, sie mitten ins Leben stellen, in unser Leben, sie nicht anhimmeln, sondern auf den Boden der Realität stellen, sie gleichsam „erden“ – das bewirkt, dass aus Gipsfiguren vitale Menschen werden „wie Du und ich“.
Vor einigen Jahren bin ich in der Kirchenzeitung meiner Heimatdiözese Feldkirch auf ein Projekt aufmerksam geworden, das teils heftige Reaktionen auslöste. Der Schweizer Benediktiner und spirituelle Autor Martin Werlen, von 2001 bis 2013 Abt des Klosters Einsiedeln und seit August 2020 Propst der zu Einsiedeln gehörenden Propstei Sankt Gerold im Großen Walsertal (Vorarlberg), kam auf eine ungewöhnliche Idee: Heilige vom Sockel zu holen – eine Aktion, die seinerzeit Aufmerksamkeit erregte, aber auch missverstanden wurde. Als werbe er für einen Bildersturm, einen ultimativen Denkmalsturz.
Mitten während der Coronazeit hat Pater Martin von seinem Vorgänger, der als Kaplan der Schweizergarde in den Vatikan berufen wurde, die Propstei übernommen. Es war, coronabedingt, ein sehr stiller Übergang. Feuerpolizeiliche Auflagen erzwangen bald einen kostspieligen Umbau der altehrwürdigen Anlage, die auf eine im Jahr 960 gegründete Einsiedelei zurückgeht. Fluchtwege mussten eingerichtet, Stockwerke besser voneinander abgetrennt werden. Als dabei ein Zubau an die Propstei abgerissen wurde, der nicht unter Denkmalschutz stand, gab es Proteste: Wie kann man „ein so altes Haus“ einfach abreißen! Kurioserweise stammte es jedoch aus den 1970er-Jahren, der Bau wirkte nur so, als ob er schon jahrhundertelang dastünde.
Abstauben, reinigen, reparieren
Bei der Renovierung mussten Heiligenfiguren aus ganz praktischen Gründen vom Sockel genommen werden: um sie abzustauben, reinigen zu können oder zu reparieren. Dabei kam Pater Werlen eine Idee: Genau das wär’s – die Heiligen von den Sockeln zu holen und mitten ins Leben zu stellen!

Es war ein Perspektivenwechsel mit Hintergedanken. So landete etwa eine gotische Marienstatue im ältesten Raum der Propstei, die zur Bügelkammer umfunktioniert worden war. Die Madonna wurde auf den Fußboden gestellt und bekam einen Besen in die Hand gedrückt: Maria als Hausfrau. Eine Pietà landete zeitweise auf einem Schutthaufen vor der Propstei, wo alles abgelagert war, was im Zuge der Renovierung aussortiert und nicht mehr gebraucht wurde.
Aus Gipsfiguren werden vitale Menschen „wie Du und ich“
Besucherinnen und Besucher konnten dem Gedanken nachgehen: Mit dem Schutthaufen meines Lebens ist es ähnlich – zerbrochene Träume, durchkreuzte Pläne, überhöhte, nicht eingeholte Ideale. Heilige vom Sockel heben, sie mitten ins Leben stellen, in unser Leben, sie nicht anhimmeln, sondern auf den Boden der Realität stellen, sie gleichsam „erden“ – das bewirkt, dass aus Gipsfiguren vitale Menschen werden „wie Du und ich“. Die mir auch heute etwas sagen (können).
Genau das war Martin Werlens Motiv: „Nehmen wir den Heiligen ihren Sockel. Dann werden wir sehen, dass sie uns plötzlich ganz anders etwas für unser heutiges Leben zu sagen haben.“ Wir rücken Heilige oft in unerreichbare Ferne durch unsere Idealisierungen und Stilisierungen: weltfremde Supermenschen, asketische Spitzensportler sozusagen. Unerreichbare Idealisten. Nichts für mich – sagen dann manche konsequenterweise. „Ich will heilig werden. Wirklich. Und du?“: Darüber bin ich im Internet gestolpert und war zunächst irritiert. Bis ich mich fragte: Warum eigentlich nicht? Ist es nicht einen Versuch wert? Oder zwei?
Andreas Batlogg SJ hat zu diesem Thema das Buch „Heilig sein 2.0. Christliche Lebenskunst im 21. Jahrhundert“ (Herder Verlag) veröffentlicht.
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