Kampf um die Mitte
Klaus Mertes SJ

Der Kampf um die politische Mitte wird auch in den Kirchen ausgetragen. Aber es darf nicht nur bei Diskussionen bleiben. Die Kirchen müssen auch ins Tun kommen, um die Mitte in diesem Land zu stärken – besonders heute, wenn es ein Rechts von der CDU gibt.
Der Nachkriegskonsens zwischen weiten Teilen des katholischen Milieus und der CDU ging in die politische DNA der demokratischen Mitte in Deutschland ein: soziale Marktwirtschaft, antitotalitäre Abgrenzung, Westbindung, europäische Einheit, Versöhnung mit Israel. Konrad Adenauer gelang es mit seiner unnachahmlichen Mischung aus demokratischer Überzeugungskraft und pragmatischer Skrupellosigkeit, den ziemlich breiten deutschnationalen Rand der Nachkriegszeit sowie, nicht zu vergessen, die Vertriebenenverbände in die CDU hinein zu integrieren. Nach 1969 integrierte die sozialliberale Koalition unter Willy Brandt fällige gesellschaftspolitische Reformanliegen in die demokratische Mitte.
Die Suche nach innerkatholischer Einheit
Die weiteren Aufbrüche nach 1968, das Aufkommen der Friedensbewegung in den 80er-Jahren, die neuen ökologischen Fragestellungen, der konziliare Prozess sowie Flucht und Migration aus dem globalen Süden – das alles machte auch im katholischen Milieu neue Themen, neue Perspektiven und neue Gräben auf. Nicht zuletzt Die Grünen profitierten davon, und, unter anderen Voraussetzungen, die Bürgerrechtsbewegung in der DDR. Die Gemengelage zwischen kirchlicher Hierarchie und demokratischer Mitte wurde nicht einfacher durch den Konflikt um die Schwangerschaftskonfliktberatung.
Wie sehr sich das katholische Milieu politisch differenzierte, wurde von Wahlperiode zu Wahlperiode immer deutlicher an der Entwicklung im Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK). Bereits vor dem Fall der Mauer pluralisierte es sich politisch. Mit der deutschen Einheit 1989 verschwanden zunächst einige Kontroversen. Umso mehr musste die Einheit auch innerkatholisch gefunden werden. Für diesen Diskurs standen nicht mehr nur und mehrheitlich CDU-Politiker-Ost wie Hans Joachim Meyer, sondern auch SPD-Politiker-Ost wie Wolfgang Thierse.

Das neue Rechts von der CDU
Doch nun gibt es sie, eine in Teilen rechtsextreme Partei rechts von der CDU. Zu ihr gehören auch manche katholische oder auch aus der katholischen Kirche ausgetretene Politiker, die sich als Kämpfer für das christliche Abendland verstehen, das angeblich auch von den „Kirchensteuerkirchen“ verraten wurde. Wie sehr diese neue Situation auch innerkirchlich die Diskurslage auf Dauer prägen wird, ist noch schwer abzusehen.
Im Januar des vergangenen Jahres trat die katholische CDU-Politikerin Annegret Kramp-Karrenbauer aus dem ZdK aus. Grund: Die „Tonalität“ der Kritik am Abstimmungsverhalten der CDU-Bundestagsfraktion am 27. Januar 2025. Der Begriff lässt aufhorchen. In der Hitze des Gefechtes kann es passieren, dass man sich im Ton vergreift. Das ist verzeihlich. Es kann aber passieren, dass der Ton grundsätzlich nicht mehr stimmt: Aus dem Gegner wird der Feind, aus Begriffen werden Propagandaparolen und aus Verfahren werden Waffen, um den Feind zu vernichten, moralisch, politisch, und schließlich, wie die Diskursentwicklung in den USA zeigt, gewalttätig.
Eine Frage des Tons
Die „Mitte“ ist nicht eng definiert durch eine bestimmte inhaltliche Position. Im Gegenteil, sie soll gerade der Ort sein, an dem um kontroverse Positionen gerungen wird – in respektvoller Tonalität gegenüber dem politischen Gegner und gegenüber den demokratischen Verfahren. Inhaltlich müssen Ausschlusskriterien zu den Extremen benannt werden, wie dies etwa die Deutsche Bischofskonferenz mit ihrer Erklärung über die Unvereinbarkeit von völkischem Nationalismus und christlichem Glauben getan hat. Es ist im Kirchensprech auch darauf zu achten, dass unterschiedliche Positionen nicht voreilig den Stempel „christlich“ oder „unchristlich“ aufgedrückt bekommen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat dazu jüngst in einer Friedensdenkschrift fällige Korrekturen vollzogen. Pazifistische Positionen gelten ihr heute nicht mehr als „christlicher“ als die Wahrnehmung der staatlichen Schutzpflicht vor äußeren Aggressoren.
Der nächste Schritt wäre eine gemeinsame Denkschrift der Kirchen zu der Frage, was sie selbst darüber hinaus zur Stärkung der Mitte in diesem Land beitragen können, sowohl inhaltlich als auch von der „Tonalität“ her. Die Zeit ist reif dafür.
Klaus Mertes SJ hat in der Mai-Ausgabe 2026 der Stimmen der Zeit das Editorial zum Thema „Kampf um die Mitte“ geschrieben.
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