Warum ich Magnifica humanitas als geistliche Lektüre empfehle
Patrick Zoll SJ

Wird sich die Menschheit mit KI in ein größenwahnsinniges Machtprojekt ohne Gott verrennen – ein zweites Babel? Oder wird sie die Welt zu einem Ort wahrer Gemeinschaft gestalten? Um diese Weichenstellung geht es Papst Leo XIV. in seiner ersten Enzyklika „Magnifica humanitas“.
An was möchte ich mitbauen? An einer Zivilisation der Liebe, die den Menschen in seiner Menschlichkeit bewahren und zur Entfaltung bringen möchte? Oder an einer technokratischen Kultur der Macht, in der versucht wird, die Menschlichkeit des Menschen in ihrer Schwachheit und Begrenztheit zu überwinden?
Diese Frage stellt sich für Leo XIV. in unserer Gegenwart mit neuer Dringlichkeit. Seine erste Enzyklika „Magnifica humanitas“ lädt ein, die gegenwärtige Weltsituation und die vielen Krisen und Probleme, die uns umtreiben, im Licht des christlichen Gottes- und Menschenbildes neu zu betrachten.
Gott sei Dank sind wir schwach!
Was habe ich durch die Lektüre für mich entdeckt und mitgenommen? Da ist zunächst die wirklich geistliche Reflexion auf den Zusammenhang von Schwachheit, Begrenztheit und Menschlichkeit. Menschen finden ihr Glück und ihre Erfüllung eben nicht in der immer weiteren Ausdehnung und angestrebten Überwindung von durch Körperlichkeit, Altern und Tod gesetzten Grenzen. Vielmehr verwirklicht sich unsere Menschlichkeit nicht trotz der Schwachheit, Verletzbarkeit und Angewiesenheit, die mit dieser konstitutiven Begrenztheit des Menschen einhergeht, sondern durch sie.
Die Erfahrung und Anerkennung unserer grundlegenden Abhängigkeit macht uns menschlicher, weil sie Raum für Mitgefühl, die Sorge um die Bedürfnisse anderer und letztlich für die Erkenntnis des Antlitzes Gottes und des Nächsten eröffnet (MH, 118–122).
‚Es gibt keine Situation und keinen Zustand des Menschen, der Gottes nicht würdig wäre.‘
MH, 232
Damit ergibt sich auch eine ganz andere – humane – Perspektive auf Fehler und Schuld: „Für einen Algorithmus ist ein Fehler etwas, das korrigiert werden muss; für einen Menschen kann er der Beginn einer tiefgreifenden Veränderung sein.“ (MH, 128). Oder wie Leo XIV. es gegen Ende der Enzyklika wunderbar formuliert: „Es gibt keine Situation und keinen Zustand des Menschen, der Gottes nicht würdig wäre.“ (MH, 232).
Die Macht der Wahrheit
Als Philosoph haben mich sehr die Ausführungen des Papstes zur Wahrheit als wichtigem Gemeingut von Demokratien angesprochen. Die Wahrheit ist der größte Feind despotischer und tyrannischer Macht, weil sie sich der Logik des menschlichen Machens und Wirkens entzieht. Die Wirklichkeit kann nicht konstruiert werden und in ihr finden sich universal gültige Wahrheiten, die jeder Mensch anzuerkennen hat (MH, 133).
Spannend ist in diesem Zusammenhang für mich, dass der Papst neben der rationalen auch die relationale Dimension der Wahrheit hervorhebt (MH, 132). Wahrheit ist ein Gemeingut von Demokratien, weil der für die Demokratie lebenswichtige öffentliche Diskurs eine verantwortungsvolle und sachliche Argumentation erfordert. Aber eine Demokratie lebt nicht nur von Regeln und Verfahren und der Rationalität des öffentlichen Diskurses, sondern vielmehr auch von Menschen, die in einer redlichen Beziehung zu den Fakten stehen, die zwischen Fakten und Fiktion und zwischen wahr und falsch unterscheiden können (MH, 134).
Für eine Sprache ohne Waffen
Bemerkens- und bedenkenswert ist auch die Warnung des Papstes vor der Versuchung, Gewaltausübung oder menschenverachtende Kommunikation mit dem vermeintlichen Dienst an oder der Verteidigung der Wahrheit zu rechtfertigen. Als Christen tragen wir zu einer humaneren Zivilisation nicht nur dadurch bei, dass wir die Wahrheit suchen und verteidigen. Vielmehr wird die Menschlichkeit einer Gesellschaft auch durch die Art und Weise bewahrt und gefördert, wie wir für die Wahrheit einstehen.
Wir können und sollten die Worte entwaffnen, weil wir daran glauben, dass die Wahrheit entwaffnend genug ist. „Wir müssen daher alle eine Gewissensforschung hinsichtlich der Worte, die wir verwenden, der Vorurteile, von denen sie durchdrungen sind, und der offenen oder versteckten Aggressivität, die in ihnen steckt, vornehmen.“ (MH, 214, siehe auch 192 und 206). Wer sich einer solchen Sprache bedient, baut auf der Baustelle unserer Zeit nicht an einer gottgewollten Zivilisation der Liebe mit (MH, 236), sondern beteiligt sich an einem neuen Turmbau zu Babel.
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