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Exerzitien

In vier sogenannten Präferenzen hat sich der Jesuitenorden weltweit eine inhaltliche Ausrichtung für die nächsten Jahre gegeben. Was genau dies bedeutet und welche Inhalte dies sind, stellen wir ihnen hier im Laufe des Jahres Präferenz für Präferenz vor. Es soll gezeigt werden, was im Allgemeinen die Präferenzen heißen und wie der Orden sie mit Leben füllt. Die erste betrifft maßgeblich die Spiritualität des Ordens und wie die ignatianische Spiritualität den Menschen hilft, zu Gott zu finden. Der Kern dieser Spiritualität sind die sogenannten Exerzitien. Was diese „Geistlichen Übungen“ sind, erklärt der Leiter des Exerzitienhauses HohenEichen in Dresden, Albert Holzknecht SJ.

Exerzitien für Dummies

„Exerzitien? Was ist das? Hat das was mit Exorzismus zu tun?“, fragen manchmal Menschen, wenn sie das Wort „Exerzitien“ zum ersten Mal hören. Sobald ich ihnen die Bedeutung des für sie komisch klingenden Wortes zu entschlüsseln versuche, reagieren sie überrascht und zugleich neugierig.

Meistens beginne ich mit einer etymologischen Erklärung des Wortes, also mit dessen Herkunft. Das Wort „Exerzitien“ kommt vom lateinischen „ex-ercere“, was so viel bedeutet wie „üben, einüben, trainieren, sich mit etwas intensiv beschäftigen“, um schließlich mit der Zeit soweit zu kommen, dass man mit einer gewissen Selbstsicherheit „etwas handhaben, bearbeiten, ausnutzen“ kann.

Ignatius von Loyola (Gründer des Jesuitenordens, 1491–1556) greift in seinem Exerzitienbuch bei der Erklärung des Begriffs „Exerzitien“ Tätigkeiten auf, die allen vertraut sind. Er spricht zunächst von körperlichen Übungen wie „umhergehen, wandern und laufen“. Und dann kommt er auf „geistliche Übungen“ zu sprechen und bezeichnet damit jede Weise, „das Gewissen zu erforschen, sich zu besinnen, zu betrachten, zu beten und andere geistliche Betätigungen“.

Während es beim Sport und bei körperlichen Übungen um Wiedererlangung oder Erhaltung der Gesundheit geht, haben die geistlichen Übungen einen anderen Zweck, nämlich, das eigene Leben zu ordnen bzw. neu auszurichten. Dazu ist es hilfreich, sich Zeiten der Stille zu nehmen inmitten des Alltags oder auch in der Abgeschiedenheit eines Klosters oder Exerzitienhauses.

Vom großen Komiker Karl Valentin stammt der bekannte Ausspruch: „Heute mach‘ ich mir eine Freude und besuch mich selbst. Hoffentlich bin ich daheim!“ Wir sind meistens „draußen“ unterwegs und mit allem Möglichen beschäftigt. Exerzitien sind eine Gelegenheit, innezuhalten und bei sich selber einzukehren. „Exerzitien“ kommt wie gesagt vom lateinischen „exercere – üben“. Doch seine eigentliche Wurzel lautet „arcere“, und das heißt „einschließen, umzäunen, umhegen“. In Exerzitien „schließen“ wir uns ein in einen äußeren Raum der Stille, um auch innerlich zunächst allen Lärm und alle Unruhe sich setzen zu lassen. Wenn wir dann allmählich bei uns selbst ankommen, kann Überraschendes zutage treten, Schönes, Freudiges, aber auch Trauriges und Leidvolles, vor allem dann, wenn wir uns nicht nur im schönen „Wohnzimmer“ aufhalten, sondern auch hinuntersteigen in den „Keller“.

Exerzitien sind nicht bloß eine „Kopfsache“, in denen ich versuche, rein auf der Verstandesebene zu bleiben, sondern Exerzitien wollen den ganzen Menschen ansprechen, auch das Herz und die Gefühle. Für Ignatius von Loyola war es immer wichtig, auch auf die inneren Regungen (mociones) zu achten. Er hatte selbst entsprechende Erfahrungen gemacht. Als er mehrere Monate mit zerschmettertem Knie auf dem Krankenlager zubrachte, hing er verschiedenen Tagträumen nach. Er träumte davon, sein Leben als Edelmann bei Hof zuzubringen. Diese Vorstellung ermüdete ihn mit der Zeit. So begann er ein Buch über das „Leben Jesu“ und Heiligengeschichten zu lesen. Dabei machte er eine wichtige innere Entdeckung! Das Träumen von Heldentaten in der Nachfolge Christi „nährte“ seine Seele länger als andere Tagträume. Es war eine erste Beobachtung und Unterscheidung von inneren Seelenbewegungen mit weitreichenden Konsequenzen.

Die zunehmende Wachsamkeit diesen inneren Bewegungen gegenüber ließ ihn aufbrechen aus seinem alten Leben und führte ihn als Pilger durch viele äußere und innere Landschaften und machte aus ihm einen Ordensgründer und gesuchten Begleiter vieler Menschen. Von daher spielen Wahrnehmen und Unterscheiden der inneren Bewegungen in den Exerzitien eine wichtige Rolle. Vier Augen sehen bekanntlich mehr! Und deswegen steht einem in Exerzitien eine Begleiterin/ein Begleiter zur Seite, mit der/dem man sich täglich trifft, um über das zu sprechen, was einen innerlich bewegt hat. Ausgehend von diesem Begleitgespräch bekommen die Exerzitanten dann einen Bibeltext, ein Bild oder sonst einen Text mit, anhand dessen sie ihren Weg weitergehen können. Gerade durch die Beschäftigung mit Bibeltexten kann einem deutlich werden, dass das Wort Gottes lebendig und kraftvoll ist und dass es einen mit dem in Kontakt bringt, der der WEG ist und uns zu einem sinnerfüllten Leben führen will!

Autor: Albert Holzknecht SJ

Pater Holzknecht wurde 1963 in Südtirol geboren. Nach der Priesterweihe 1989 war er 16 Jahre lang als Diözesanpriester in der Diözese Bozen-Brixen tätig. 2005 trat er in das Noviziat der Gesellschaft Jesu ein. Nach verschiedenen Aufgaben in Wien arbeitet er seit 2011 in der Katholischen Hochschulgemeinde in Graz mit und ist geistlicher Assistent der Katholischen Hochschuljugend von Graz und Leoben. Zuletzt war er auch Superior der Jesuitenkommunität in Graz. 2018/19 macht er in Bolivien seinen letzten Ausbildungsabschnitt im Orden, das Tertiat. Nun leitet er das Exerzitienhaus HohenEichen in Dresden.

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