• Gelübdeablegung am 15. August 1534 auf dem Montmartre in Paris (Glasfenster in den Camerette in Rom)..
1 / 2

Peter Faber: Reformer der Kirche

Peter Faber (1506 bis 1546) war bis vor kurzem einer jener Jesuiten der Anfangszeit des Ordens, die zwar innerhalb der Gesellschaft Jesu hoch geachtet, außerhalb jedoch kaum bekannt waren. Als großer Seelsorger und Exerzitienleiter  wurde er durch Papst Pius IX. 1872 seliggesprochen, aber sein Wirken, seine geistliche Gestalt und auch seine Sprache erschienen zu speziell und zu zeitbedingt, um heute breitere Kreise anzusprechen. Dies änderte sich schlagartig, als Papst Franziskus überraschend und die üblichen Verfahren überspringend Peter Faber am 17. Dezember 2013 heiligsprach. Offensichtlich hat der Papst eine große Verehrung für seinen Ordensbruder und sieht ihn als Vorbild und Anreger für die von ihm gewünschten Kirchenreformen. In Interviews und Predigten kam er wiederholt auf ihn zu sprechen. Welche Züge Peter Fabers begeistern den Papst? Wie hat Peter Faber - in einer kirchlich wahrhaft zerrissenen Zeit - reformierend gewirkt? Was will Papst Franziskus mit Verweis auf Peter Faber der Kirche heute sagen? Inwiefern kann die Gestalt Fabers unsere Kirche, insbesondere im deutschsprachigen Raum, in ihrem Reformbemühen inspirieren?

Ein Blick auf sein Leben: Pierre Favre - so die französische Namensform - wurde 1506 in einer Bauernfamilie in Le Villaret (Savoyen) geboren. Er wuchs in einer volkstümlichen und sehr tiefen Frömmigkeit auf. Früh fielen seine spirituelle Neigungen und seine hohe Intelligenz auf. Er wurde auf eine Leiteinschule geschickt und studierte anschließend in Paris Philosophie und Theologie. Im Collège Sainte-Barbe hatte er als Stubengenossen Franz Xaver und Ignatius von Loyola. Von letzterem tief geprägt, machte er Exerzitien und gründete mit den beiden anderen einen schnell wachsenden Freundeskreis. 1534 zum Priester geweiht, zelebrierte er die Messe, in der am 15. August 1534 sieben Freunde - außer ihm waren alle Laien - ein Gelübde ablegten, das später zur Gründung des Jesuitenordens führte. Angekommen in Rom, wurde Peter Faber sehr bald vom Papst und später auch von seinem Oberen Ignatius ausgesandt: zunächst nach Parma, später nach Worms und Regensburg,  Mainz und Köln, dann nach Spanien, zuletzt zum Konzil von Trient. Er führte Religionsgespräche mit Anhängern der Reformation, hatte diplomatische Aufträge, war aber vor allem vielfältig als Prediger und Exerzitienleiter tätig. Oft war er nur kurz an einem Ort und erhielt sogleich einen neuen Auftrag. Das rastlose Arbeiten und die ständigen Reisen quer durch Europa - meist zu Fuß - erschöpften ihn so sehr, dass er bei einem Zwischenhalt in Rom mit nur 40 Jahren starb; beratend am Konzil von Trient teilnehmen, wie es vorgesehen war, konnte er nicht mehr.

Die notwendige Reform der Kirche sah Peter Faber weniger als theologisches, sondern als pastorales Problem. Daher suchte er weniger die Dispute mit "Gegnern", sondern engagierte sich für eine solide innere Reform der katholischen Kirche. Über Seelsorge, vor allem über Seelsorge an Seelsorgern, die glaubwürdig den Glauben vorleben sollten, suchte er die Menschen zu "bekehren". Er selbst hatte zweifellos eine starke mystische Anlage, sein geistliches Tagebuch schreibt er aus intensiven Gebetserfahrungen. Seine Persönlichkeit wird als eher zurückhaltend, fast schüchtern, aber immer als sehr aufmerksam geschildert. Er neigte aber auch zu Selbstzweifeln, zu Skrupeln und zu depressiven Zuständen und Ängsten. Er berichtet selbst, dass er stark die Fehler anderer beobachte, sie verdächtige und verurteile. Dahinter stehen wohl - in heutiger Deutung - Gefühle von Minderwertigkeit, auch Perfektionismus und Überverantwortlichkeit. Seine Gestalt ist komplex und heute schwer fassbar, trifft sich aber in einigen Zügen überraschend mit modernem Lebensgefühl.

Papst Franziskus nennt in seinem großen Interview, das er im August 2013 Antonio Spadaro SJ für mehrere Jesuitenzeitschriften gab, sieben Züge Peter Fabers, die er besonders schätzt und heute der Kirche wünscht. Ich nenne sie und deute sie aktualisierend ein wenig aus:

  • "Der Dialog mit allen, auch mit den Fernstehenden und Gegnern." Internet-Shitstorm findet sich nicht nur in der Politik, sondern auch zwischen Christen. Wer einmal erlebt hat, wie man von "rechts" oder von "links" verunglimpft und angepöbelt werden kann, weiß, wie dringlich und aktuell die scheinbar harmlose und selbstverständliche Maxime von Peter Faber auch im Zeitalter der Aufklärung, der Ökumene und der Toleranz ist. Anders Denkende und Empfindende nicht zu verachten oder sie ideologisch abzuwerten, sondern sie zu respektieren und wertzuschätzen, auf sie zu hören mit der geduldigen Bereitschaft zum gegenseitigen Lernen, ist in Zeiten der superschnellen Kommunikation und folglich der schnellen und ständigen Erregung ein stetiges Lernfeld.
  • "Schlichte Frömmigkeit." An geistlichem Tiefgang, an innerem Ruhen in Gott, am Blick für das Wesentliche fehlte es im Umbruch des 16. Jahrhunderts allenthalben. In unseren hektischen Zeitläuften gilt dies verstärkt. Und "schlicht" ist eine Frömmigkeit, die Unwichtiges zu relativieren weiß und aus dem Zentrum lebt: dem einfachen Blick auf den liebenden und vergebenden Gott. Darauf antwortend gibt sich der schlicht Fromme vorbehaltlos hin, mit großem Herzen, ohne zu rechnen, angstfrei.
  • "Vielleicht eine gewisse Naivität." In modernen Managementschulen zählt der coole, zielorientierte, funktionale, strategisch denkende, auch abgebrühte Macher. Ständige Evaluationen prüfen Ergebnisse und optimieren Prozesse. In der überreflektierten, überstrukturierten, überorganisierten deutsche Kirche braucht es spontane Begeisterung und eine gelegentlich blauäugige Kreativität, die - manchmal gegen alle McKinseys und ebenso gegen die Gralshüter der reinen Lehre - Neues wagt.
  • "Die unmittelbare Verfügbarkeit." Die Disponibilität ist eine sehr jesuitische Tugend: Der Jünger Jesu lässt sich senden, jederzeit, an jeden Ort, in immer wieder andere Aufgaben. Peter Faber hat dieses Ideal vielleicht zu streng gelebt oder leben müssen, bis zum vorzeitigen Tod durch Erschöpfung. Und doch machte seine radikale Verfügbarkeit und Hingabe auf die Menschen einen gewaltigen Eindruck - und dieser veränderte sie, ja er "reformierte" manchen Christen von innen her.
  • "Aufmerksame innere Unterscheidung." Diese ebenfalls sehr ignatianische Gabe meint, dass Peter Faber ein hohes Gespür für seine inneren Regungen, also Gefühle, Antriebe, Sehnsüchte, innere Stimmen, auch Ängste, Widerstände usw. entwickelte und lernte, diese zu "unterscheiden", d.h. zu sehen, welche Regungen von einem guten, heiligen Geist stammen und welche von einem ungeordneten, ins Negative führenden Abergeist. Über inneres Spüren sah er, was zu tun und was zu lassen ist - und mit Entschlossenheit folgte er der als gut erkannten Richtung. Es geht nicht um psychologischen Feinschliff oder strategisches Kalkül, sondern um ein aus tiefen Gebeterfahrungen erwachendes Hören auf den Geist, und dies mit Nüchternheit und Vernunft, mit radikaler Ehrlichkeit und Selbstlosigkeit, mit extremer Sensibilität und mit Mut zum Widerständigen. In Zeiten großen Stimmengewirrs - damals wie heute - braucht es diese geistliche Gabe, um die Kirche voranzubringen und zu führen.
  • "Ein Mann großer und starker Entscheidungen." Peter Faber lebte in einer Wende-Zeit. Der kleine Bauernjunge, der er in gewisser Weise immer blieb, verkehrte furchtlos mit den Mächtigen seiner Zeit, er packte Herausforderungen an, sagte Wahres ohne Angst, auch wenn es nicht immer und nicht allen gefiel. Zum eine blieb er katholisch in einer Zeit, in der sich ganze Landstriche von der als veraltet und dekadent erlebten katholischen Kirche abwandten, zum anderen sah er ihren erschreckenden Reformstau und lies sich in seinem heiligen Reformeifer bedingungslos in wüste Landschaften senden.
  • "Zugleich fähig, so sanftmütig, so sanftmütig zu sein." Das Wort des Papstes ist ein wenig rätselhaft: Was meint "sanftmütig" (ital. dolce) - und zwar für einen Jesuiten?! Das "Zugleich" verweist auf einen Gegensatz zum vorigen Wort: Der sanftmütige Peter Faber konnte also, so dürfen wir deuten, seine "starken Entscheidungen" je nach Situation zurückstellen und stattdessen empathisch zuhören, d.h. warten, Gefühle zulassen, innere oder äußere Prozesse geschehen und den Geist wirken lassen, dabei zugewandt und aufmerksam, wertschätzend und zart, mit viel Gespür, gewaltfrei, einfach einladend mit den Menschen umgehen. Fremd waren ihm das Autoritäre und Herablassende, das Besserwisserische und Belehrende, das Ausgrenzende oder das Manipulative. Das "Zugleich" des Papstes deutet dabei die hohe Kunst an zu erspüren, wann die starke Entscheidung und wann das zarte Zulassen angemessen sind.

Wie kann man sich die "Methode" des Peter Faber vorstellen? Berichtet wird, wie er etwa in eine Stadt kam, in einem Armenhospiz oder in einem kirchlichen Haus Quartier nahm, im Auftrag des Papstes oder des Jesuitengenerals mit mehr oder weniger mächtigen Herren redete - meist mit wenig Erfolg - und wie er zugleich zu predigen begann, Beichte hörte, einigen Menschen Exerzitien gab. Offensichtlich hatte seine Seelsorge mehr Erfolg als seine Diplomatie: Die Menschen strömten ihm zu, sie begannen sofort, ihr Leben zu ändern, gaben Reichtümer den Armen, ordneten Familiäres, die Priester gaben ihre Konkubinen auf - man fragt sich allerdings, was mit den armen Frauen geschah - und in den Kirchen fanden Gottesdienst, Gebet und Katechese wieder statt... Vorstellen kann man sich heute diesen "Erfolg" kaum. Offensichtlich gab es damals in deutschen Städten einen ungeheuren geistig-geistlichen Durst und niemanden, der ihn stillen konnte. Die Priester waren ungebildet, sie predigten und unterrichteten nicht, sie konnten nicht Beichte hören oder Menschen begleiten, sie waren - sicher oft auch aus Not - mehr mit sich und ihren materiellen und familiären Angelegenheiten beschäftigt. Peter Faber traf mit seinen im Grunde sehr einfachen pastoralen Mitteln auf ein drängendes Bedürfnis. Selbst war er gebildet, fromm, eifrig und glaubwürdig - in der Sprache der Zeit: ein "reformierter Priester".

Papst Franziskus stützt sich in seinem Interview auf Michel de Certeau (1925 bis 1986), einen französischen Jesuiten, Spezialist für Mystik und Kulturgeschichte, der das geistliche Tagebuch ("Memoriale") von Peter Faber übersetzte und kommentierte. In de Certeaus Deutung Peter Fabers ist "preti riformati" der Schlüsselbegriff: Für diesen reformierten Priester - so fasst Spadaro den Papst zusammen - sind "innere Erfahrung, dogmatische Formulierung und Strukturreform eng und unlösbar miteinander verbunden". Offensichtlich war dies das Geheimnis seiner "Kirchenreform": selbst sich zu "reformieren" und dann einfache Seelsorge - Unterweisung, Sakramente, Begleitung... - zu betreiben. Übrigens scheint dies ein Ansatz aller großen Religionen zu sein: Der Mensch muss sich selbst reformieren, dann wird er wie von selbst seine Glaubensgemeinschaft und die ganze Welt reformieren und sie also gläubiger, liebevoller, friedlicher zurücklassen.

Das Wort "glaubwürdig" kommt bei Peter Faber übrigens nicht vor. Heute meint man in der Kirche vielfach, wieder glaubwürdig erscheinen zu müssen, also arbeitet man am glaubwürdigen Auftritt, macht Image-Kampagnen, Marketing... Die Kirche soll aber nicht glaubwürdig erscheinen, sondern sie soll es sein, und das wird sie nicht, indem sie sich mit Glaubwürdigkeit beschäftigt, sondern indem sie sich reformiert, also wertschätzend und partizipativ, transparent und bescheiden, barmherzig und liebevoll lebt und wirkt. Kein Wunder, dass Papst Franziskus immer wieder, bisweilen mit Verweis auf Peter Faber, die Priester zur Umkehr mahnt, denn nur "reformierte" Priester wirken. Und was im 16. Jahrhundert für Priester galt - andere Menschen als Verkündiger oder Seelsorger konnte man sich in jener Zeit nicht vorstellen - das gilt heute für jeden Christen und für jede Christin, der oder die entweder im ausdrücklichen kirchlichen Auftrag oder einfach durch christliches Leben die Botschaft der Liebe bezeugen.

Dass Menschen in ihrer Persönlichkeit oder in ihren Begabungen begrenzt sind - Peter Faber ist dafür ein deutliches Beispiel - ist weniger relevant; solange sie sich ganz von Gott durchdringen und in Dienst nehmen lassen, kann ihr Wirken enorm fruchtbar werden. Dass man an und mit "Strukturen" und an und mit der "Lehre" arbeiten muss, ist wichtig, aber ebenfalls nicht das Zentrum; auch dafür sind Peter Faber und - in ähnlicher Weise - Papst Franziskus Beispiel; beide wirken zunächst und vor allem durch treffende Worte, durch bewegende Symbole und durch ihre "reformierte" Person.

Autor:

Stefan Kiechle SJ

Pater Stefan Kiechle SJ ist 1982 in den Jesuitenorden eingetreten und wurde 1989 zum Priester geweiht. Er war von 1998 bis 2007 Novizenmeister und hat in verschiedenen Aufgaben in der Hochschulseelsorge und Exerzitienbegleitung gearbeitet. Von 2010 bis 2017 war er Provinzial der Deutschen Provinz der Jesuiten. Er ist Delegat für Ignatianische Spiritualität und Chefredakteur der Kulturzeitschrift "Stimmen der Zeit".

Partner

SJ-Generalskurie