• P. Martin Müller SJ
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Irritierender Besuch vor Silvester

Während die meisten an Heilig Abend frei hatten, mussten viele jedoch arbeiten. Pater Martin Müller SJ ist Krankenhausseelsorger in Leipzig. Er hat es sich zur Tradition gemacht, jedes Jahr an Heilig Abend und an Silvester die Stationen und die Krankenschwestern zu besuchen. An Heilig Abend bringt er die Krippe zu den Engeln, an Silvester zeigt er ihnen: Sie sind nicht allein. Für manche ein irritierender Besuch.

Sichtlich irritiert steckt die Schwester den Kopf aus dem Stationszimmer. Um diese Zeit ist nicht mit dem Knacken zu rechnen, das die Stationstür hervorruft, wenn sie sich öffnet. Die Besuchszeit ist längst vorbei. Ein wenig zeugt ihr Blick noch von der Verunsicherung, die das unerwartete Geräusch erzeugt hat, als ich vor ihr stehe. Dann die Beruhigung: „Ach, Sie sind das?!“ Dann die nächste Überraschung: „SIE? Sooo spät? Heute?“ Heute ist Heiligabend, die Weih-Nacht. Seit ich Krankenhausseelsorger bin, besuche ich die Schwestern und Pfleger, die in dieser Nacht den Dienst auf den Stationen und in den Funktionsabteilungen – z.B. Röntgen, Operationssaal – übernommen haben. Und ich komme nie mit leeren Händen.

Eine Kerze ist immer dabei. Zeichen für das Licht, das in die Welt kommt und sie erleuchtet. Eine Tüte mit Plätzchen, selbstgemachten vom Konditor, auch. Es ist immerhin Weihnachten. Dass Gott Mensch geworden ist, sollen die Pflegenden auch verkosten, mitten an ihrem tagtäglichen, jetzt nächtlichen Arbeitsplatz. In diesem Jahr habe ich noch, als Überraschung, kleine Schmuckperlen in einem Beutel bei mir. Jeder im Nachtdienst darf in den Beutel greifen und eine herausfingern. Es ist nicht der Stein der Weisen, sondern ein Zeichen für die überraschende und unser Leben bereichernde Nachricht, dass Christus geboren ist.

Manche der Schwerstern und Pfleger wissen nichts so recht anzufangen mit der christlichen Botschaft. Zu wenig gesättigt durch eigene Erfahrungen, zu wenig relevant für den Alltag. Schnelle Wirksamkeit und Nützlichkeit sind gefragtere Eigenschaften im Krankenhausbetrieb. Das gilt nicht nur für Medikamente und technisches Gerät, sondern auch für die Botschaften, die der Seelsorger so bringt und kündet.

Also predige ich nicht mit Worten. Was Christus ist – Licht; wo wir ihn finden – in den überraschenden Geschmacksrichtungen unseres Alltags; welche Bedeutung er hat – eine Bereicherung, die über materiellen Wert weit hinausreicht. Das könnte ich auch erklären, beschreiben, darlegen. Dazwischen aber schellt die Klingel, die die Schwester zum Patienten ruft. Die schönsten Worte verhallen im Rücken der eilenden Schwester.

Heiligabend im Krankenhaus ist irritierend. Weil nicht die Engel und Hirten zur Krippe kommen, sondern die Krippe, jedenfalls der, der darin liegt, zu den Hirten und Engeln kommt. Die tragen weiße und grüne Dienstkleidung und kümmern sich um die Hilflosen. Er kommt nicht als kleines Kind, sondern in diesem Jahr als Kerze, Plätzchen und Perle.

Die Überraschung ist dann perfekt. Mit dieser Antwort des menschgewordenen Gottes rechnen sie nämlich nicht, die ihren Nachtdienst tun: „Ja, ich komme. Zu dir. Auch mitten in der Nacht, mitten in deinen Dienst. Heute.“

Manchmal erzählen die Schwestern und Pfleger am Morgen nach dem Dienst den sie ablösenden Kollegen und Kolleginnen von meinem Besuch und den mitgebrachten Gaben. Manche haben sogar behalten, was die Gaben bedeuten. So beginnt der Frühdienst im Krankenhaus mit einer frohen Botschaft. Nicht übel für Weihnachten.

Autor:

Martin Müller SJ

Pater Martin Müller SJ wurde 1966 im Rheinland geboren und trat 1991 in den Orden ein. Nach dem Noviziat in Münster studierte er in Frankfurt/M. und Paris. Er arbeitete als Subregens im Priesterseminar Sankt Georgen, in der Provinzverwaltung und als Krankenhausseelsorger.

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SJ-Generalskurie