• Philosoph Michael Reder
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Philosoph warnt vor negativen Seiten der Solidarität

München – Der Münchner Philosoph Michael Reder warnt vor den negativen Seiten der aktuellen Corona-Solidarität. „Trotz allem Positiven, das mit der aktuellen Welle der Solidarität verbunden ist, reproduziert und verstärkt dieses Handeln auch alt bekannte Strukturen sozialer Ungleichheit“, betont der Professor und Inhaber des Lehrstuhls für Praktische Philosophie mit Schwerpunkt Völkerverständigung an der Hochschule für Philosophie München. „Wir müssen aufpassen, dass uns das Betonen von Solidarität nicht blind für diese Entwicklungen macht“, sagt er. Aktuell forscht Reder im Rahmen eines vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekts zu „Praktiken der Solidarität“.

Als Beispiel für negative Entwicklungen in der Corona-Krise nennt Reder die finanzielle Last für Geringverdiener. „Die Mittelschicht kann die aktuellen finanziellen Einschnitte durch Kurzarbeit oder unbezahlten Urlaub zur Kinderbetreuung deutlich besser verkraften als Menschen mit geringerem Einkommen“, erklärt er. „Die Folgen für die, deren Situation auch vor Corona schon schlecht war, erscheinen auch heute nur am Rand der öffentlichen Debatten. Das führt zu weiterer Exklusion und Benachteiligung und wird vermutlich langfristige Folgen haben“, ist er überzeugt.

Für umso wichtiger hält Reder ein Bewusstsein für die politische Dimension der aktuellen Entscheidungen. „Durch COVID-19 entsteht häufig der Eindruck, jede Entscheidung sei aufgrund ihrer wissenschaftlichen Begründung alternativlos“, sagt Reder. „Dabei sind medizinisches Wissen und politisches Handeln nicht das gleiche. Die Politik muss ihre Maßnahmen auch in Krisenzeiten gut begründen und offen für die Kritik anderer gesellschaftlicher Akteure sein“, mahnt Reder.

Als besonders problematisch sieht der Völkerverständigungs-Experte den Hang zu nationalen Alleingängen an. „Die Pandemie ist eine globale Krise, aber die politischen Antworten sind fast ausschließlich national“, beobachtet er. „Das fördert nationale Abschottungen und auch rassistische Vorurteile. Das ist eine Fratze der Solidarität“, kritisiert Reder. Weder über die Geflüchteten auf Lesbos noch über die Menschen in den Kriegsgebieten Syrien und Jemen werde ausreichend gesprochen. Dabei ziele Solidarität bei aller Bezogenheit auf die Gemeinschaft letztlich immer über diese hinaus: „Solidarität achtet auf die Ausgeschlossenen, die nicht gehört werden – innerhalb und außerhalb der Gemeinschaft“, stellt er klar. „Genau darin besteht ihr Potenzial. Und dieses Potenzial der Solidarität brauchen wir heute mehr denn je“, ist er überzeugt.

Im kürzlich gestarteten Blog „Solidarität in der Krise“ setzt sich Michael Reder gemeinsam mit den Professoren Stephan Lessenich (Ludwig-Maximilians-Universität München) und Dietmar Süß (Universität Augsburg) intensiv mit den gesellschaftlichen Folgen der Corona-Krise auseinander. Der Blog ist Teil ihres gemeinsamen Forschungsprojekts „Praktiken der Solidarität: Strukturen und Dynamiken transnationaler Solidarität im 20. und 21. Jahrhundert“, welches das Bundesministerium für Bildung und Forschung im Rahmen der Initiative „Zusammenhalt stärken in Zeiten von Krisen und Umbrüchen“ fördert.

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