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Ein Weg zu Gott

Papst Franziskus hat vergangenes Jahr die inhaltliche Ausrichtung des Jesuitenordens offiziell bestätigt und bekräftigt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Ordens haben alle Mitglieder weltweit mitdiskutiert, was die Gesellschaft Jesu in den nächsten zehn Jahren für die Kirche und die Gesellschaft bewirken will. Was genau dies bedeutet und welche Inhalte dies sind, stellen wir ihnen hier im Laufe des Jahres Präferenz für Präferenz vor. Es soll gezeigt werden, was im Allgemeinen die Präferenzen heißen und wie sie mit Leben gefüllt werden. Die erste Präferenz heißt: Ein Weg zu Gott: Durch Unterscheidung und Geistliche Übungen Gott finden helfen. Was dies für einen Jesuiten bedeutet, erklärt Jan Korditschke SJ.

An fremden Orten

An fremden Orten verlaufe ich mich leicht. Da bin ich froh über Ortskundige, die mir den Weg zeigen. Die Gesellschaft Jesu verfolgt das Ziel, Menschen „den Weg zu Gott zu zeigen“. Das setzt viererlei voraus: 1. dass Menschen nach Gott suchen, 2. dass es möglich ist, sich Gott zu nähern, 3. dass ein bestimmter Weg zu Gott führt und 4. dass die, die den Weg weisen, dafür geeignet sind.

1. Menschen suchen nach Gott

Wenn ich in Berlin zum Alexanderplatz will, werde ich mit Hinweisen, wie ich zum Bahnhof Zoo komme, nichts anfangen können. So mögen Jesuiten den Wunsch haben, anderen den Weg zu Gott zu zeigen, aber ihr Bemühen wird nur dort angenommen werden, wo Menschen in dem Ziel, das ihnen gezeigt wird, das erkennen können, was sie auch wirklich suchen. Natürlich gibt es diejenigen, die ausdrücklich Gott finden möchten. Viele würden sich selbst aber nicht als Gottsuchende beschreiben. Vielleicht suchen sie nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe. Solchen Menschen den Weg zu Gott zu zeigen, könnte heißen, sie in ihrer konkreten Suche zu unterstützen – in der Überzeugung, dass sie auf diese Weise (womöglich ohne es zu merken) zu dem gelangen, der die Wahrheit, Gerechtigkeit und Liebe in Person ist.

2. Möglichkeit, sich Gott zu nähern

Ich komme einem Menschen nahe – unabhängig von unserem räumlichen Abstand –, wenn wir gemeinsam etwas auf die Beine stellen. Dazu muss die Kommunikation zwischen uns stimmen. Wir beide müssen wissen, wie die jeweils andere Person tickt: was sie denkt, wie sie Dinge bewertet, was sie will und wie sie vorgeht. Dann können wir einander die Bälle zuspielen und an einem Strang ziehen. Für Ignatius von Loyola ist Gott einer, der „sich müht und arbeitet“ – für mich und für alle (vgl. GÜ 236): Er gibt alles dran, um Menschen aus Enge und Bedrängnis in die Freiheit zu führen, aus Tod und Verderben zum Leben. Gott will dies aber nicht allein tun. Er bittet uns, mit ihm zusammenzuarbeiten und unseren Teil zum großen Ziel beizutragen (vgl. GÜ 95). Menschen zu helfen, Gott zu finden, bedeutet demnach: sie darin unterstützen, zu verstehen und sich zu eigen zu machen, was Gott will, wie er vorgeht und wie er sie zur Mitwirkung einlädt. Indem Menschen diese Einladung annehmen, gelangen sie zu Gott.

3. Der Weg zu Gott

Ich kann viel darüber mutmaßen, was ein anderer Mensch eigentlich denkt und will. Um mir dessen gewiss zu werden, brauche ich das Gespräch mit ihm. Und wenn ich mit ihm zusammenarbeiten will, dann muss ich mich auf ihn verlassen können. Dazu hilft es sehr, wenn er mir sein Wort gibt. Jesus ist das Wort, das Gott uns gegeben hat (vgl. Joh 1,14). Um – soweit möglich – Gottes Willen und Weise des Vorgehens zu erkennen, können wir auf Jesus schauen. In seinem Leben zeigt sich, wer Gott ist und wo er mit uns hinmöchte. Indem er Jesus auferweckt hat, gibt Gott uns die konkrete Zusage seiner Verlässlichkeit und schenkt uns Zuversicht für den nächsten Schritt. So ist Jesus der Weg, der uns zu Gott führt (vgl. Joh 14,6). Das schließt nicht aus, dass jeder Mensch auf je eigenem Weg zu Gott unterwegs ist; denn der Auferstandene geht einzeln mit uns mit und gibt sich uns in sehr persönlicher Weise zu erkennen (vgl. Lk 24,32). Wenn wir das Leben und Sterben Jesu betrachten (z.B. bei der Schriftmeditation in Exerzitien), dann werde ich in anderer Weise im Herzen berührt und zu anderen Ideen angeregt als meine Mitmenschen. So wird Jesus für mich auf andere Art zum Weg als für sie, und doch gehen wir alle gemeinsam mit ihm zu Gott.

4. Der Tourguide

„Den Weg zu Gott zeigen“ ist nicht dasselbe wie „zu Gott führen“. Wenn ich einen anderen Menschen führe, dann gehe ich voran und lasse ihm kaum eine andere Wahl, als mir zu folgen. Wenn ich ihm den Weg zeige, dann entscheidet er, ob er in die Richtung gehen will, die ich ihm weise. Außerdem kann ich Menschen den Weg zeigen, die schneller unterwegs sind als ich. Selbst wenn sie mir schon ein gutes Stück auf dem Weg voraus sind, kann es für sie nützlich sein, wenn ich ihnen von hinten zurufe: „Da vorne an der Kreuzung geht es nach links!“ Bei einer Führung (z.B. während eines Stadtrundgangs) wird erwartet, dass die führende Person die ganze Strecke kennt und mitgeht. Wer mich auf der Straße spontan nach dem Weg fragt, dem kann ich auch sagen: „Bis dahin kann ich Ihnen Auskunft geben. Dort angekommen, fragen Sie bitte jemand anderen.“ Wer Menschen den Weg zu Gott zeigen will, lässt ihnen ihre Entscheidungsfreiheit. Er erkennt an, dass die, denen er den Weg zeigt, zum Teil schon größere Fortschritte im geistlichen Leben gemacht haben als er selbst. Und er bindet die Menschen nicht an sich, sondern unterstützt sie bei dem Schritt, der gerade ansteht. Er weiß: Danach wird es andere geben, die für den nächsten Schritt die geeigneteren Wegweiser sind als er.

Wie schön ist es, nach langer Suche das Ziel zu finden! Und wie dankbar bin ich allen, die mir den Weg gezeigt haben! Wenn mich also andere bei ihrer Suche um Hilfe bitten und ich Auskunft geben kann, wie sollte ich ihnen dann nicht den Weg zeigen? Auch den Weg zu Gott.

Wenn Sie wissen wollen, was genau Ignatianische Spiritualität bedeutet, schauen Sie auf unserem YouTube Kanal vorbei. Dort erklärt P. Josef Anton Aigner SJ uns die ignatianische Spiritualität, das Magis und was für ihn den Reiz dieser Spiritualität ausmacht.

Autor: P. Jan Korditschke SJ

Pater Jan Korditschke SJ ist 2008 in den Jesuitenorden eingetreten. Er studierte Philosophie, Theologie und Spiritualität in München, Frankfurt und Madrid, arbeitete als Kaplan in einer Kirchengemeinde und als Bildungsreferent in einer Katholischen Akademie. Seit 2017 leitet er die Katholischen Glaubensinformation Berlin.

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