• Pater General Arturo Sosa im Gespräch mit den Mitbrüdern auf der Dachterrasse der Ordenszentrale in Rom.
  • P. Bernhard Heindl SJ
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Apostolische Präferenzen

Papst Franziskus hat vergangenes Jahr die inhaltliche Ausrichtung des Jesuitenordens offiziell bestätigt und bekräftigt. Zum ersten Mal in der Geschichte des Ordens haben alle Mitglieder weltweit mitdiskutiert, was die Gesellschaft Jesu in den nächsten zehn Jahren für die Kirche und die Gesellschaft bewirken will. Was genau dies bedeutet und welche Inhalte dies sind, stellen wir ihnen hier im Laufe des Jahres Präferenz für Präferenz vor. Es soll gezeigt werden, was im Allgemeinen die Präferenzen heißen und wie sie mit Leben gefüllt werden. Den Anfang macht Bernhard Heindl SJ. Er erklärt, was die Apostolischen Präferenzen überhaupt sind.

Trau dich, oh Gesellschaft Jesu!

Frage: Gesellschaft Jesu, wie willst Du das umsetzen? Antwort: Jugendlichen aus prekären Lebensverhältnissen zum Nulltarif in einem klimaneutralen, biologisch geführten Gästehaus Geistliche Übungen anbieten. Bingo! Damit wären alle vier apostolischen Präferenzen, die die Gesellschaft Jesu weltweit in der Dekade 2019-2029 beachten will, unter einen Hut gebracht. Die Vorlieben, Präferenzen, die Pater General Sosa nach ausführlichen Beratungen allen Jesuiten ans Herz legt, lauten:

1. Ein Weg zu Gott: Durch Unterscheidung und Geistliche Übungen Gott finden helfen.
2. An der Seite der Benachteiligten: Gemeinsam mit den Armen, den Verworfenen der Welt, den in ihrer Würde Verletzten auf dem Weg sein, gesandt zu Versöhnung und Gerechtigkeit.
3. Mit jungen Menschen: Jugendliche und junge Erwachsene bei der Gestaltung einer hoffnungsvollen Zukunft begleiten.
4. Für die Schöpfung: In der Sorge für das Gemeinsame Haus zusammenarbeiten.

Auch wenn ich meinen Vorschlag gar nicht schlecht finde, es geht nicht darum wie beim Kegeln mit einer Kugel möglichst viel abzuräumen. Die vier Präferenzen sollen überall eine Rolle spielen, wo Jesuiten zusammenleben und arbeiten. Sicherlich kann man sich auf eine gewisse Arbeitsteilung verständigen, das ist einer der Vorteile in Gemeinschaft zu leben und gemeinsame Ziele erreichen zu wollen.

Nicht alle können alles zu gleichen Teilen einholen, aber den persönlichen, spirituellen Tagesrückblick, das sog. Examen, zufrieden mit: „Gott, ich danke Dir, C + A läuft bei mir!“, abzuschließen wäre ungenügend. Pater General hebt hervor, dass er sich das alles nicht selbst und alleine ausgedacht hat, sondern dass bei der Erstellung der Präferenzen über einen weltweiten Befragungs- und Unterscheidungsprozess der Heilige Geist am Werk war. Ein Examen, wie oben erwähnt, bleibt mittelmäßig: „Zwei von vier, ein guter Mittelwert, passt!“ Da fehlt das ignatianische Magis, das Markenzeichen des Heiligen Geistes, der zu einem Mehr an Gutem verlocken will, wo immer es möglich ist.

Im Begleitbrief von Pater General hat mich mit Blick auf die erste Präferenz insbesondere ein Wort innehalten lassen: „Die Geistlichen Übungen des Heiligen Ignatius von Loyola bieten ein vorzügliches Instrument, um Jesus, den Herrn, sein Leben und Werk, in der Vielfalt der sozialen Kontexte der heutigen Welt gegenwärtig werden zu lassen. Deswegen nehmen wir uns vor, die Geistlichen Übungen gründlicher zu leben, so dass sie uns zur persönlichen und gemeinschaftlichen Begegnung mit Christus führen und uns verwandeln.“

Das letzte Wort „verwandeln“ ließ augenblicklich viele Erinnerungen an meine ersten Großen Exerzitien während des Theologiestudiums vor dem Eintritt in den Jesuitenorden wach werden. Ich fühlte mich nach diesen 30 Tagen wie verwandelt! Bereits im achten Semester Theologie war eine so freudige Aufbruchsstimmung in Richtung Gott in mir, dass ich meinte noch einmal neu mit dem Studium beginnen zu müssen! Die Exerzitien hatten es geschafft aus Kopfwahrheiten herzliche Einsichten werden zu lassen: Gott ist nicht zu fürchten, er ist unglaublich geduldig und liebevoll! Und das Wichtigste: Er ruft mich!

Ich musste mich einen Monat zurückziehen und mit der Hilfe eines Coaches, meiner Begleitung, „dranbleiben“, nicht nachlassen, aber den Bogen auch nicht überspannen. In gewisser Weise fielen dann die Übungsergebnisse vom Himmel bzw. mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Damals und dort war Gott in deinem Leben präsent! Er geht mit. Warum sollte er das ändern? Also, trau dich! Ja, auf dem Beipackzettel von Geistlichen Übungen sollte stehen: „Exerzitien können verwandelnde Wirkung haben.“

Aber ich möchte noch ein Wort aus dem oben zitierten Briefabschnitt von Pater General herausgreifen: „gemeinschaftlich“. Gemeint ist, was jeder von uns in Exerzitien persönlich immer wieder übt, sollte auch gemeinschaftlich zur Selbstverständlichkeit werden: die Geister scheiden, unterscheiden, damit der ganze Leib der Gesellschaft Jesu Wandlung erfahren kann. Die letzte Generalkongregation formuliert ehrlich und deshalb mutig: „Eine besondere Schwierigkeit kann in einem Mangel an echter Zusammenarbeit zwischen Jesuiten selbst bestehen - das kann einzelne Jesuiten, Institutionen, Kommunitäten, Provinzen und Assistenzen betreffen. Es wird eine Unterscheidung benötigt, die alle mit einbezieht.“ (36. GK, D 2,7)

Ach ja, meine Überschrift ist übrigens inspiriert von dem Internet-Influencer Rezo. Das ist der junge Mann mit dem Blauschopf, der mit seinen Zeitanalysen immer wieder mal stört, aber den Fakten-Check durch Experten besteht. Rezo stellt den Kirchen in Deutschland mit Blick auf die vierte Präferenz ein gutes Zeugnis aus. Die Veröffentlichungen zu den Themen Klimawandel und Umweltschutz ließen nichts zu wünschen übrig. Im Gegenteil, sie seien kompetent und deutlich! Es ginge jetzt um die Umsetzung und Rezo ermutigt: „Trau dich, o Christenheit!“ (zeit-online 19.12.2019) Meine Meinung auf den Orden geblickt: Die Präferenzen sind gut, unsere sonstigen Texte auch. Trau dich, o Gesellschaft Jesu!

Autor: P. Bernhard Heindl SJ

Pater Bernhard Heindl SJ ist 1993 in den Jesuitenorden eingetreten. Von 2005 bis 2011 war er Leiter der Katholischen Glaubensinformation Berlin, und von 2011 bis 2014 war er für die Berufungspastoral und die Ausbildung des Jesuitenordens in Deutschland verantwortlich. Seit 2014 ist er als Spiritual und Priesterseelsorger am Kleinen Michel in Hamburg.

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