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Auch für Unangenehmes dankbar sein!

Wofür kann man dieses Jahr dankbar sein? Für Pater Martin Stark SJ, Leiter der Abteilung Kommunikation und Fundraising und Socius des Provinzials, war dieses Jahr nicht nur wegen Corona eine Herausforderung, dennoch findet er genug Gründe, dankbar zu sein.

Wenn sich das Jahr zu Ende neigt, liegt es nahe, auf das Erlebte zurückzublicken. Trotz allem Schwierigen gibt es da für mich auch viel Gutes, für das ich sehr dankbar bin. Mir liegt derzeit wohl am meisten nahe, dass ich halbwegs fähig bin, mich wieder normal zu bewegen. Ein Bandscheibenvorfall hatte mich im Spätsommer regelrecht aufs Kreuz gelegt. Es gab Tage, da konnte ich mich kaum mehr bewegen. Inzwischen ist mit viel Geduld die schmerzhafte Phase vorüber, und mit ausdauerndem Training und Physiotherapie regeneriert sich der Körper. Erstaunlich - und für mich ein echter Grund zur Dankbarkeit!

Es gibt aber auch Anderes, für das ich in diesem Jahr beim Nachdenken fast noch mehr dankbar bin: Ich erinnere mich da gleich an mehrere Situationen, wo es - alles in allem - gelungen ist, Unangenehmes anzusprechen. Auch das gehört ja zu unserem Leben - das nicht wegzudrücken, sondern sich dem zu stellen und deutlich zu machen, dass es da überhaupt ein Problem gibt. Normalerweise gehen wir Konflikten ja lieber aus dem Weg, weil sie einen unter emotionalen Stress setzen. Aber der Ärger bricht sich doch irgendwann sowieso Bahn und eskaliert dann oft, weil wir mit Gefühlsausbrüchen schlecht umgehen können. Das ist in einem Orden übrigens gar nicht viel anders als sonst im normalen Leben. Vielleicht ist es bei uns mitunter sogar schwieriger, sich einander deutliche Rückmeldungen zu geben, weil wir Nächstenliebe und Brüderlichkeit meist mit Harmonie oder Nachsicht verwechseln in der Annahme, dass sich die Probleme schon von allein regeln.

In der Jesuitenausbildung üben wir dies mit einer Methode aus unserer spirituellen Tradition ein: die „Correctio fraterna“. Klausurwochenenden in unserer Ausbildung schlossen früher immer mit einer expliziten „Feedback“-Runde ab, wo jeder jedem Rückmeldungen geben musste, was ich an meinem Mitbruder schätze, aber auch, was ich mir mehr von ihm wünschen würde. Das Einüben war hilfreich, um darauf zurückzukommen, wenn es darauf ankommt.

Meine Erfahrung ist: Schon allein mit dem Aussprechen ist viel erreicht; aber auch die Bereitschaft zuzuhören, will eingeübt werden. Denn wir sind ja eher so eingestellt, Kritik gar nicht zu hören oder an uns heranzulassen. In einer angespannten Atmosphäre ist es hilfreich, wenn ich meinem Gesprächspartner zumindest erst einmal in Ruhe zuhören kann, wenn er mir schildert, wie mein Verhalten bei ihm ankommt und was es alles in ihm auslöst.

Natürlich – das Aussprechen allein ist nicht schon die Lösung. Wer Unangenehmes zu hören bekommt, reagiert meist betroffen oder erschrocken, vielleicht sogar peinlich berührt. Und es gibt auch schwierige Situationen, wo es gar nicht möglich ist, eine einfache Lösung zu finden. Ganz oft gilt es, Spannungen einfach nur zu ertragen und schwierige Situationen auszuhalten. Vermutlich ist es so: Wie auch der Körper etwa bei einem Bandscheibenvorfall vor allem Zeit braucht, um sich zu regenerieren, so darf ich nicht versuchen, schwierige Situationen mit frommen Worten abzukürzen. Um unangenehme Dinge in einer guten Weise anzusprechen und Konflikte und Probleme zu durchleben und zu bewältigen, braucht es Kraft, Energie und Zeit. Ich bin sehr dankbar, dass mir dies in diesem Jahr in Ansätzen gelungen ist.

Und wofür sind Sie trotzdem dankbar?

Autor:

Martin Stark SJ

Martin Stark SJ ist als Theologe und Journalist 2002 in den Jesuitenorden eingetreten und wurde 2007 zum Priester geweiht. Von 2006 bis 2012 leitete er den Jesuiten-Flüchtlingsdienst (JRS) Deutschland. Nach seinem Tertiat in Manila/Philippinen hat er seit 2013 als Socius des Provinzials der deutschen Jesuiten gearbeitet. 2018 übernahm er die Leitung der Abteilung Kommunikation & Fundraising. Seit 19. März 2020 ist er zusätzlich auch wieder Socius des Provinzials.

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