Besuch aus Aleppo

Die Stadt Aleppo ist gezeichnet von verheerenden Zerstörungen, anhaltenden Spannungen und Konflikten sowie einem eklatanten Mangel an humanitären Ressourcen. Der zwölf Jahre währende Bürgerkrieg hat weite Teile Aleppos in Trümmer gelegt, und am 6. Februar 2023 wurde der verbliebene Teil der Stadt durch die verheerenden Auswirkungen eines Erdbebens zerstört.

Michael Kabbabe lebt seit seinem vierten Lebensmonat in Aleppo, Syrien. Herr Kabbabe besuchte unser Büro und brachte uns Grüße und ein kleines Geschenk von den Jesuiten in Aleppo mit. In diesem Interview gewährt er uns einen Einblick in sein Leben in Aleppo. 

 

Guten Tag Herr Kabbabe. Zunächst einmal interessiert es mich, wie das Leben in Aleppo aussieht. Mögen Sie mir davon erzählen?

Vor dem Ausbruch des Krieges war das Leben nahezu perfekt. Jetzt hingegen ist es schwierig, dort zu leben. Es fängt bereits damit an, dass es eine Knappheit an lebensnotwendigen Gütern wie Wasser und Strom gibt, die nur schwer zu beschaffen sind. Wir leiden seit zwei Jahren immer mehr unter der drückenden wirtschaftlichen Lage. In der Zeit davor während des Krieges war das Leben hier zudem noch unsicher.

 

Wie sieht ein typischer Tag in Ihrem Leben aus? Nehmen Sie mich gerne mit in Ihren Alltag.  

Ich befinde mich im fünften Jahr meines Medizinstudiums, ein Traum, den ich seit meiner Kindheit verfolge. Das Leben in Aleppo lässt sich kaum in Worte fassen und beschreiben.  Morgens erwachen wir oft ohne Strom. Wenn man keine Solaranlage besitzt, ist man darauf angewiesen zu warten, bis der Strom sich wieder anschaltet. Der Weg zur Schule, in die Universität oder zur Arbeit gestaltet sich nicht immer so einfach. Viele junge Menschen werden von Kleintransportern abgeholt, auf die man teils Stunden wartet. Die steigenden Benzinpreise aufgrund der wirtschaftlichen Lage erschweren die Situation zusätzlich. In meinem Studium bin ich aktuell in der klinischen Phase im Krankenhaus und kümmere mich um Patienten.

Nach der Universität treffe ich mich gelegentlich mit Freunden, aber es gibt kaum Aktivitäten, die wir unternehmen können. Es bleibt oft nur ein Besuch im Restaurant, in einem Café oder in einer Bar. Die meisten Menschen sind innerlich so erschöpft, dass Freizeitaktivitäten zu anstrengend und kräfteraubend erscheinen.

Dann gehe ich nach Hause zurück und gehe schlafen. Es ist ein sehr hartes und ermüdendes Leben.

 

Sie haben mir erzählt, dass Sie aktiv bei den Pfadfindern engagiert sind. Erzählen Sie mir gerne mehr darüber.

Die Pfadfinderarbeit liegt mir sehr am Herzen und ist dem Dachverband der Jesuiten direkt unterstellt. Ich leite eine Pfadfindergruppe und organisiere Veranstaltungen, Treffen und Zeltlager. Diese fanden vor dem Krieg auch außerhalb Syriens statt, doch aufgrund der hohen Kosten ist dies derzeit nicht mehr möglich. Außerdem organisieren wir jedes Jahr wir einen Trivia-Wettbewerb für Pfadfinder aus ganz Syrien. Ich investiere meine Zeit sehr gerne in diese Herzensangelegenheit, da sie mir die Motivation gibt, weiterzumachen.

 

Können Sie mir die Stadt Aleppo beschreiben?

Aleppo kann man wie ein schwarz-weißes Gemälde betrachten. Man sieht kaum fröhliche Menschen auf den Straßen. Dennoch finden die Menschen Wege, Glücksmomente zu erleben, sei es bei Festen wie Weihnachten oder in alltäglichen Momenten. Ich bewundere es, inmitten von Zerstörung und harten Lebensumständen Momente der Freude zu finden.

Es gibt Videos in den sozialen Medien, die zeigen, wie wunderschön das Land ist. Und die sind echt, das Land ist wunderschön. Trotz der aktuell schwierigen Situation mag ich mein Land sehr gerne.

 

Wie haben Sie die Kriegszeit erlebt? Haben Sie darüber nachgedacht, das Land zu verlassen?

Natürlich habe ich darüber nachgedacht! Für meine Eltern war es die Situation jedoch komplexer. Meine Großeltern leben immer noch in Syrien, und wir besitzen dort ein Haus und ein Auto. Die Entscheidung, das Land zu verlassen, hätte bedeutet, nicht nur die Großeltern zurückzulassen, sondern auch unseren gesamten Besitz. Es war eine schwierige Abwägung zwischen einem besseren Leben und dem Verbleib bei der Familie. Eine zwiespältige Situation, bei denen meine Eltern entschieden haben, zu bleiben. Die Zeit des Krieges war düster, traurig und voller beängstigender Nächte und Tage. Nach Gesprächen mit Freunden über den Krieg kehrte ich oft deprimiert nach Hause zurück. Jetzt stehen wir jedoch einem neuen Krieg gegenüber- einem wirtschaftlichen.

 

Wie blicken Sie in die Zukunft?

Ich wünsche dem Land nur das Beste- dass die Menschen zu einem normalen Leben und ihren Alltag zurückkehren können. Ich habe die Hoffnung und den Glauben an Gott, dass es besser werden wird- aber wann, das weiß ich nicht.

 

Interview: Serafina Scharf, Praktikantin beim JRS

Foto: Kerollous Shenouda

 

 

 

 

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